Heike Wolf, Lehrerin

Heike Wolf, Lehrerin

Dreifacher Einsatz für Integration

Der Himmel über Duisburg ist grau. Ein eisiger Wind pfeift um die Ecken. „Es ist kalt und wolkig“, stellt Fabricio fest. Der 10-Jährige aus Rumänien lernt in einer Internationalen Vorbereitungsklasse an der Regenbogenschule in Duisburg-Marxloh, das Wetter auf Deutsch zu beschreiben. Lehrerin Heike Wolf hält eine Karte mit einem Bild von Schneeflocken hoch. „Das schneit“, meint Schülerin Susana und verbessert sich doch gleich: „Das ist Schnee. Es schneit!“

 

Fabricio, Susana und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler gehören zu einer der vier Modellklassen des Projekts „Zusammen – Zuwanderung und Schule gestalten“. Es will Kindern aus neu zugewanderten Familien den Einstieg ins deutsche Schulsystem erleichtern – mithilfe multiprofessioneller Teams, die in den Klassen arbeiten. Der Einsatz von multiprofessionellen Teams in Internationalen Vorbereitungsklassen ist bislang einmalig in Deutschland.

 

Die Teams bestehen aus einer Lehrerin oder einem Lehrer mit Qualifikation im Fach „Deutsch als Fremdsprache“ und einer sozialpädagogischen Fachkraft, die sich um die soziale Integration der Kinder kümmert. Unterstützt werden sie durch sogenannte interkulturelle Beraterinnen und Berater. Diese kommen aus dem Kulturkreis der Zuwandererfamilien und helfen besonders bei der Kommunikation mit den Eltern, weil sie durch ihre Kenntnisse der Kultur und Sprache leichter ihr Vertrauen gewinnen.

Eine Chance für den Problemstadtteil

Das Projekt der Stadt Duisburg und der Bildungsinitiative RuhrFutur startete im April 2015 und läuft bis Sommer 2017. Auch das Ministerium für Schule und Weiterbildung Nordrhein-Westfalen ist beteiligt. Gefördert wird „Zusammen – Zuwanderung und Schule gestalten“ von der Stiftung Mercator, die im Ruhrgebiet unter anderem die Integration durch gleiche Bildungschancen verbessern will. Die beteiligten Lehrkräfte waren bereits im Vorfeld an den Schulen beschäftigt. Eigens für das Projekt hat die Stadt zwei neue Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte geschaffen sowie zwei halbe Stellen für interkulturelle Beraterinnen und Berater. Ziel: ein Konzept, nach dessen Vorbild auch in anderen Städten und Kommunen Kinder aus Zuwandererfamilien integriert werden können.

 

Insgesamt 70 Schülerinnen und Schüler lernen in den Modellklassen in Marxloh – entweder an der Regenbogenschule, einer Grundschule, oder am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium. Ganz bewusst wählten die Projektplaner den Duisburger Stadtteil für ihr Vorhaben aus. Marxloh wird häufig als „Problemviertel“ und „sozialer Brennpunkt“ bezeichnet. Knapp die Hälfte der fast 20.000 Einwohner ist ausländischer Herkunft. Die meisten Zuwanderer kommen aus Rumänien und Bulgarien. „Viele Kinder sind in ihrem Herkunftsland nicht zur Schule gegangen“, sagt Karen Dietrich, Projektmanagerin bei RuhrFutur. Andere mussten den Schulbesuch aufgrund von Flucht und Migration abbrechen. In Deutschland angekommen, sehen sich die Familien häufig mit Armut konfrontiert. Die Arbeitslosenquote in Duisburg war im Januar 2017 mit über 13 Prozent mehr als doppelt so hoch wie der bundesdeutsche Durchschnittswert von rund sechs Prozent.

 

Auf dem Stundenplan der Modellklassen an der Regenbogenschule stehen nicht nur Deutsch und Englisch, sondern auch Soziale Kompetenz. Dabei sollen die Kinder zum Beispiel lernen, Aufgaben kooperativ zu bewältigen und Konflikte gewaltfrei zu lösen – Kompetenzen, die Grundschullehrkräfte meist nebenbei vermitteln. In Marxloh übt die sozialpädagogische Fachkraft diese Fähigkeiten mit den Kindern in eigenen Stunden ein, damit sich Lehrerin Heike Wolf ganz auf den Lehrstoff konzentrieren kann. Mit Erfolg: „Die Kinder gehen sehr sozial miteinander um und wir schaffen im Unterricht viel mehr“, sagt Heike Wolf.

 

Zusätzlich konzipieren die Teams den Unterricht für bestimmte Themenbereiche gemeinsam und überlegen, was jede und jeder dazu beitragen kann. Die Sozial- pädagoginnen und Sozialpädagogen unterstützen die Lehrkräfte nach Absprache in einzelnen Stunden oder organisieren Aktivitäten. „Beispielsweise zum Thema Gesunde Ernährung haben die Kinder nicht nur die nötigen Vokabeln und das Hintergrundwissen gelernt“, erzählt Meliha Özdemir. „Wir haben auch Ausflüge mit ihnen gemacht und die Eltern mit eingebunden.“

Die sozialpädagogischen und interkulturellen Fachkräfte wollen den Familien dabei helfen, sich in der Schule und der Gesellschaft ihrer neuen Heimat zurechtzufinden. Dazu bieten sie im Rahmen des Modellprojekts sogenannte Elterncafés an. Bei den Treffen besprechen sie zum Beispiel, was ein Laternenumzug ist. Oder welche Schulmaterialien die Kinder benötigen. Am Anfang erschienen einige Kinder nur mit einer Handtasche zum Unterricht“, erzählt Konrektorin Jessica Beerbaum.

 

Die Sozialpädagogin Meliha Özdemir bestätigt: „Viele Eltern wissen nicht, woher sie Schulranzen und Hefter bekommen. Oder wie sie ohne Krankenversicherung einen Arzt aufsuchen können.“ Und Projektleiterin Karen Dietrich betont: „Wenn der Zahn schmerzt, kann ein Kind nicht lernen. Manchmal müssen die Teams also erst mal Voraussetzungen für das Lernen schaffen.“ Teilweise machen die sozial-pädagogischen und interkulturellen Fachkräfte auch Hausbesuche, etwa wenn ein Kind nicht regelmäßig zur Schule kommt. „Das Projekt wird von den Eltern gut angenommen“, sagt Jessica Beerbaum.

 

Die Teams möchten erreichen, dass die zugewanderten Kinder aus den Internationalen Vorbereitungsklassen auch mit den Schülerinnen und Schülern der Regelklassen in Kontakt kommen. „Dafür ist es wichtig, dass die Kinder an den schulischen Angeboten teilnehmen“, so Meliha Özdemir, „zum Beispiel an der Ganztagsschule, die viele Eltern für unwichtig halten.“ Bei einem kostenlosen Frühstück lernen die Schülerinnen und Schüler den sozialen Umgang miteinander auch außerhalb des Unterrichts. Und in einer Bastel-AG können sie ohne große Deutschkenntnisse zusammen etwas gestalten.

 

Aktivitäten auch außerhalb der Schule

Nach und nach haben Heike Wolf und Meliha Özdemir zudem ein umfangreiches Netzwerk an sozialen Einrichtungen im Stadtteil aufgebaut, die ihnen bei ihrer Arbeit zur Seite stehen, wie die Arbeiterwohlfahrt (AWO), Jugendzentren und Vereine. „Dadurch haben sich aus dem Modellprojekt mehrere kleine Unterprojekte entwickelt“, erzählt die Sozialarbeiterin. Die AWO bietet zum Beispiel ein Ferienprogramm für die Kinder im Stadtteil an.

 

Für diese umfangreiche Unterstützung der Kinder und ihrer Eltern fehlt im Schulalltag normalerweise die Zeit. Das weiß auch Lehrerin Heike Wolf, die schon lange Seiteneinsteiger (also Kinder aus Zuwanderer- oder Flüchtlingsfamilien) fördert. „Auch die Elternarbeit wäre ohne die Hilfe der Kollegen in diesem Umfang nicht möglich“, sagt sie.

Erfolg kostet Energie

Die wichtigsten Inhalte ihres Unterrichts halten die Teams in regelmäßigen Abständen schriftlich fest. Auf dieser Basis sollen curriculare Bausteine entstehen, die auf andere Schulen übertragbar sind. Die Erfahrungen dienen zudem als Grundlage eines pädagogischen Konzepts für die Arbeit in multiprofessionellen Gruppen. Dafür dokumentieren die Beteiligten zum Beispiel, wer welche Aufgabe übernommen hat oder welche Aspekte bei der Zusammenarbeit gut und welche weniger gut funktioniert haben.

 

Das Modellprojekt kann bereits einen Erfolg verzeichnen: Das Schulministerium Nordrhein-Westfalen hat die Idee der multiprofessionellen Teams zur Integration für neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler in einem Landesprogramm aufgegriffen und neue Arbeitsplätze für Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen geschaffen. „Das heißt: Unser Projekt hat Schule gemacht, noch während der Laufzeit. Das passiert selten“, sagt Karen Dietrich. Die Modellschulen profitieren davon jedoch nicht direkt, weil die sozialpädagogischen Fachkräfte zukünftig für mehrere Bildungseinrichtungen gleichzeitig zuständig sein werden.

 

Konrektorin Jessica Beerbaum zieht eine gemischte Bilanz: „Für das Kollegium war das Projekt teilweise sehr anstrengend.“ Die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer seien zwar um zwei Stunden entlastet worden. Doch die Dokumentation und die regelmäßigen Treffen hätten viel Kraft und Zeit gekostet. Projektleiterin Karen Dietrich ist froh über dieses Engagement: „In Marxloh herrschen sehr schwierige Ausgangsbedingungen. Ein Modellprojekt erfordert hier noch mehr Anstrengung als sonst.“ Insgesamt sind alle Beteiligten jedoch zufrieden mit dem Erfolg. „Für die Familien war das Projekt sicher ein Gewinn, weil sie sehr intensiv betreut werden konnten“, sagt Jessica Beerbaum. Und Sozialarbeiterin Meliha Özdemir fügt hinzu: „Die Kinder sind so dankbar für alles, was wir für sie tun.“

 

Das Gespräch führte Nele Langosch, Journalistin und Diplom-Psychologin

redaktion.pp(at)universum.de

 

Infos zum Projekt

  • Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Projekts „Zusammen – Zuwanderung und Schule gestalten“ können an Workshops und Fort- bildungen (z. B. zum Thema Sprachförderung) teilnehmen. Angeboten werden diese von RuhrFutur, dem Kommunalen Integrationszentrum Duisburg und dem Institut ProDaZ (kurz für „Projekt Deutsch als Zweitsprache“) der Universität Duisburg-Essen.
  • Es soll ein Fortbildungskonzept für Lehrkräfte in sogenannten Seiten-einsteigerklassen entwickelt werden.
  • Das Institut ProDaZ erhebt außerdem zu mehreren Zeitpunkten die Deutschkenntnisse in den beteiligten Klassen. Ziel ist ein Leitfaden für Lehrkräfte, auf dessen Grundlage sie den Sprachstand der Kinder selbst ermitteln können.
  • Zum Modellprojekt „Zusammen – Zuwanderung und Schule gestalten“: www.zuwanderung-und-schule.de

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