In der Mittelschule Weinbergerstraße vermitteln die Firmen am "Tag der Betriebe" einen Einblick in ihre Arbeit.

Bei der Präsentation von Berufsbildern - hier der Friseurberuf - wird großer Wert auf praktische Inhalte gelegt.

Und was kommt dann?!

Das Projekt "Brückenschlag" zeigt, wie der Übergang Schule-Beruf gut gelingen kann. Ein Expertenteam von Pädagogen, Psychologen und Unternehmern begleitet die Schülerinnen und Schüler drei Jahre lang.

Viele der Jugendlichen können die Frage "Was möchtest Du beruflich machen?" schon nicht mehr hören. Sie sind genervt und fühlen sich oft trotzdem mit ihrer Entscheidung, welchen Beruf sie wählen sollen, allein gelassen. Deshalb haben wir, die Lehrerinnen und Lehrer der Mittelschule Weinbergstraße, ein Konzept entwickelt, das unsere Schülerinnen und Schüler frühzeitig für die Berufswelt fit macht. Alle Jugendlichen der Jahrgangsstufen 7, 8 und 9 durchlaufen mehrere Phasen einer "Berufsausbildungsvorbereitung". Hierfür setzen wir auf eine intensive Vernetzung von Schule, Wirtschaft und der Jugendbildungsstätte Waldmünchen, bei der alle Ressourcen ineinander greifen. Seit acht Jahren kooperieren wir mit regionalen Wirtschaftsbetrieben und der Bildungsstätte. Auf dieser Basis haben wir folgende Projektziele formuliert:

  • Erweiterte Lernangebote: In Lerngruppen beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit Berufsbildern, informieren sich über Ausbildungsinhalte, -dauer, Verdienst, dazu gehört zum Beispiel das Erstellen der Bewerbungsunterlagen, wobei Förderlehrkräfte zur Verfügung stehen
  • Frühzeitige und flexible Unterstützung von benachteiligten Jugendlichen
  • Erhöhte Chancen für Ausbildungsplätze; zum Beispiel stellen die Firmen Praktikumsplätze für schwächere Schülerinnen und Schüler zur Verfügung
  • Ausbau von bestehenden Kooperationen zu außerschulischen Partnern, um das Know-how der Schule insgesamt zu steigern
  • Mehr Verständnis betrieblicher Kooperationspartner für innovatives schulisches Arbeiten

Für die konkrete Umsetzung heißt das, dass…

  • wir den Unterricht auf die Themen der Berufsorientierung in den einzelnen Fächern abstimmen
  • sich die Lehrer absprechen, so dass die einzelnen Ressourcen innerhalb der Schule noch besser gebündelt werden können
  • die Eltern in den Gesamtprozess eingebunden werden; sie gestalten zum Beispiel den Präsentationsabend im Austausch mit den betrieblichen Vertretern sowie Lehrerinnen und Lehrern
  • die am Projekt beteiligten Firmen zum Beispiel in Form von Einladungen und Pressearbeit von uns betreut werden
  • wir die Lerneinheiten praxis- und handlungsorientiert gestalten, vor allem in puncto "Eigenverantwortung" und "Zuverlässigkeit" der Schülerinnen und Schüler
  • wir mit den Jugendlichen ein Portfolio erstellen, das sie als Vorlage für Bewerbungsgespräche benutzen können.

Unter fachlicher Anleitung hantieren Schülerinnen und Schüler mit medizinischen Geräten …

… oder erproben sich im Umgang mit Ziegeln und Zement.

Ein Konzept mit vier Komponenten
Unser Konzept besteht aus vier Komponenten, die über drei Jahre angelegt sind. Auf die Jahrgangsstufen abgestimmt, organisieren wir verschiedene Aktionen zur Berufsorientierung.

Komponente 1 (7. Jahrgangsstufe): Die Firmen präsentieren am "Tag der Betriebe" in der Schule Berufsbilder und geben einen Einblick in ihre Arbeit. Sie legen dabei besonderen Wert auf praktische Inhalte. So entstehen zum Beispiel unter fachlicher Anleitung kleine Dachstühle, interessante Frisuren, kreative Wandgestaltungsvorschläge, Fliesenspiegel und vieles mehr. Am darauf folgenden Tag nehmen die Jugendlichen an einem "Fähigkeitenparcours" teil. Dieser findet ebenfalls in der Schule statt. Die Schülerinnen und Schüler testen an mehreren Stationen ihr räumliches Vorstellungsvermögen, ihre kommunikativen Fähigkeiten, ihre körperliche Belastbarkeit, ihre Hand- und Fingerfertigkeit, ihr logisches Denken und ihre Sprachbeherrschung.

Komponente 2 (7. Jahrgangsstufe): Die Schüler stellen in einer Abendveranstaltung die im Unterricht erstellten "Lernplakate" zu den unterschiedlichen Berufsbildern vor. Sie diskutieren mit Eltern, Lehrkräften, Bildungs- und Wirtschaft vertretern die Ergebnisse. Ziel dieser Veranstaltung ist es, den Beteiligten eine Rückmeldung über die Motivation der Schüler zu geben, eine noch intensivere Vernetzung zwischen Familie-Schule-Wirtschaft herzustellen und die gegenseitigen Erwartungen zu klären.

Komponente 3 (8. Jahrgangsstufe): Die Jugendlichen absolvieren in den Kooperationsbetrieben und im angestrebten Beruf ein zweiwöchiges Praktikum. Während dieser Zeit werden sie von ihren Lehrkräften und Ausbildern betreut. Im Anschluss reflektieren wir mit den Vertretern der Betriebe die Erfahrungen. Außerdem haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, an einem einwöchigen Berufsorientierungsseminar der Jugendbildungsstätte in Waldmünchen teilzunehmen. Teamerfahrungen und Bewerbungstrainings sind wichtige Seminarinhalte.

Komponente 4 (9. Jahrgangsstufe): Im Vorfeld der Bewerbungsgespräche werden die Schülerinnen und Schüler durch ein Coaching zum Thema "Das Vorstellungsgespräch" vorbereitet. Weitere Praktika helfen, einen geeigneten Ausbildungsplatz zu finden.

Positive Resonanz

In den acht Jahren haben wir die Erfahrung gemacht, dass die meisten Jugendlichen die Projektphasen aktiv mitgestalten - sie sind motivierter und arbeiten konzentrierter. So steigern sie ihre Leistungen, haben konkrete Ziele vor Augen und sind selbstsicherer. Viele der Jungendlichen erkennen, dass Fähigkeiten und Fertigkeiten oft nicht zum zunächst angestrebten Beruf passen. Sie bekommen eine realistischere Vorstellung darüber, was die Betriebe fordern und können sich selbst besser einschätzen. Doch die Schülerinnen und Schüler, die sich vehement verweigern, erreichen wir auch mit unserem "Brückenschlag" nicht. Wir versuchen sie in einem "Trainingsraum" nochmals von der Sinnhaftigkeit zu überzeugen. Manchmal klappt es, manchmal auch nicht. Die Betriebe "der ersten Stunde" beteiligen sich noch immer am Projekt. Das zeigt uns, dass die Unternehmer ebenfalls von der Zusammenarbeit profitieren. Sie lernen die Jugendlichen über einen längeren Zeitraum kennen, was die Zusammenarbeit während der Ausbildung positiv beeinflusst, da für beide Seiten klar ist, welche Erwartungen an sie gestellt werden.

Die bayerische Mittelschule Weinbergstraße in Neumarkt zählt zirka 600 Schülerinnen und Schüler und beschäftigt rund 50 pädagogische Fachkräfte. Auf der Mittelschule gibt es die Möglichkeit, entweder nach der 9. Klasse den Hauptschulabschluss oder ein weiteres Schuljahr anzuhängen und dann den Realschulabschluss zu machen.

http://www.weinbergerschule.de

 

AUTOR

Harald Dorr ist Lehrer und Projektkoordinator an der Mittelschule Weinbergerstraße in Neumarkt.

Fotoquelle:
Harald Dorr

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