Foto: Thinkstock, © Highwaystarz-Photograph

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Ganztag setzt sich durch

Die bundesweite Einführung der Ganztagsschule ist eine der umfassendsten Reformen des deutschen Schulwesens. Mittlerweile bieten gut zwei Drittel aller Schulen in Deutschland ganztägige Bildung und Betreuung an.

 

Unter anderem das schlechte Abschneiden der deutschen Schülerschaft bei PISA im Jahr 2000 führte zum Entschluss der Ständigen Konferenz der Kultusmister der Länder (KMK), die Ganztagsschule in Deutschland flächendeckend einzuführen. Der Ausbau wurde zwischen 2003 und 2009 durch das „Investitionsprogramm Bildung und Betreuung“ (IZBB) mit rund vier Milliarden Euro gefördert. Daraufhin stieg die Zahl der Ganztagsschulen stark an. 2015 wurden fa st 65 Prozent der allgemeinbildenden Schulen in Deutschland als Ganztagsschulen verzeichnet. Zudem nahmen zu diesem Zeitpunkt bereits knapp 40 Prozent der Schüler am Ganztagsschulbetrieb teil.

 

Die Ganztagsschule war von Beginn an mit hohen Erwartungen verknüpft. Die Schulform sollte zahlreiche Möglichkeiten bieten, das schulische Lernen neu zu gestalten und zu einer ganzheitlichen Bildung beitragen. Dies werde, so die Hoffnung, die individuelle Förderung und die Bildungsteilhabe von Kindern und Jugendlichen aus sozial schwächeren Familien substanziell verbessern.

 

Definition von Ganztagsschulen

Nach den von der KMK definierten Kriterien für Ganztagsschulen in Deutschland handelt es sich bei einer Schule um eine „Ganztagsschule“, wenn Schülerinnen und Schüler an mindestens drei Tagen in der Woche und an sieben Zeitstunden pro Tag die Möglichkeit haben, ein ganz-tägiges Angebot wahrzunehmen.

An diesen Tagen sollte außerdem ein Mittagessen zur Verfügung stehen. Entsprechend der KMK-Kriterien trägt die Schulleitung die Verantwortung für das ganztägige An- gebot der Schule. Letzteres sollte demnach unter Aufsicht und in enger Kooperation mit der Schulleitung durchgeführt werden. Außerdem sollte das ganztägige Angebot in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht stehen.

Die Kriterien der KMK stellen in erster Linie Mindeststandards für formale Merkmale von Ganztagsschulen dar. Es finden sich keine Hinweise auf die konkrete Umsetzung und Ausgestaltung der Rahmenbedingungen in diesen Kriterien. Dies und sehr unter-schiedliche Politikansätze und Vorgaben in Bezug auf Ganztagsschulen in den Bundesländern führen bundesweit zu einer großen Vielfalt an Konzepten und Formen.

Evaluation durch StEG

In Ganztagsschulen können neben dem regulären Unterricht zusätzliche Angebote dazu genutzt werden, Unterrichtsinhalte in einem anderen Kontext und mit alternativen Methoden zu vermitteln, anzuwenden und kritisch zu betrachten. Gleichzeitig besteht durch das Mehr an Zeit die Möglichkeit, Zeiträume für Lernen, Entspannung und Bewegung anders zu gestalten. So kann auch das selbstständige Arbeiten der Schülerinnen und Schüler vermehrt in der Schule angeregt werden: Im Rahmen von strukturell festgelegten Lernzeiten können zum Beispiel Haus- aufgaben in den Schulalltag integriert werden. Als Folge bleibt mehr Zeit und Raum für die individuelle Förderung. Besonders Kinder aus sozial schwächeren Familien können, so die Hoffnung, von der vermehrten Unterstützung in der Schule profitieren. Außerdem bietet die Ganztagsschule gerade auch diesen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, an musisch-kulturellen, sportlichen oder fachlichen Angeboten teilzunehmen.

Wissenschaftlich begleitet und evaluiert wird der bundesweite Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland seit 2005 durch die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG), die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Ein besonderer Fokus dieses Projekts liegt auf der Erfassung von Gestaltungsmerkmalen außerunterrichtlicher Angebote und deren Auswirkungen auf die Persönlichkeits- und Leistungsentwicklung.

Forschungen zeigen: Auf die Qualität kommt es an

Die Ergebnisse von StEG weisen darauf hin, dass sich die Teilnahme an Ganztags-angeboten vor allem dann positiv aus-wirkt, wenn die Qualität der Angebote von den Schülerinnen und Schülern hoch bewertet wird. Um die Qualität der Angebote zu beurteilen, wurde zum Beispiel das durch die Schülerinnen und Schüler in den Angeboten empfundene Maß an Klassenmanagement, kognitiver Aktivierung und konstruktiver Unterstützung unter-sucht. Zudem wurde anhand von Einzelinterviews und Gruppendiskussionen ermittelt, was Schülerinnen und Schülern bzgl. der Gestaltung außerunterrichtlicher Angebote wichtig ist.

Für qualitativ hochwertige Angebote, die gezielt auf soziales Lernen ausgerichtet sind, zeigte sich in der Grundschule ein positiver Zusammenhang mit dem pro- sozialen Verhalten der beteiligten Schüle-rinnen und Schüler. In der Sekundarstufe I erwies sich beispielsweise die erlebte individuelle Anerkennung als einflussreich: Empfanden die Schülerinnen und Schüler ein hohes Maß an individueller Anerkennung, hatte dies einen positiven Effekt auf die Lesemotivation der Fünftklässler. Schülerinnen und Schüler, die Ganztagsangebote besuchen, erreichten bessere Noten. Schulnoten reflektieren anders als Testwerte nicht nur die fachlichen Leistungen der Kinder. Sie enthalten auch Bewertungen der Motivation, des Engagements und des Verhaltens im Unterricht und sind letztlich maßgeblich für den Bildungsweg. Ein messbarer Effekt auf die fachlichen Leistungen – gemessen durch verschiedene standardisierte Leistungs-tests, wie dem Frankfurter Leseverständnistest (FLVT) – durch den Besuch einzelner Angebote konnte dagegen nicht nachgewiesen werden.

Sozialverhalten, Motivation, Schulerfolg

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass gute Ganztagsangebote das Sozial-verhalten, die Motivation, das Selbstkonzept und den Schulerfolg der Kinder fördern. StEG zeigt aber auch, dass in Bezug auf die konzeptionelle Verzahnung von Angebot und Unterricht und der kontinuierlichen Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an Fachangeboten weiterhin Verbesserungsbedarf besteht. Außerdem scheinen bisher jene Schülerinnen und Schüler, die vermutlich stark von einer Teilnahme profitieren würden, nur schwer erreicht zu werden. Es zeigt sich jedoch, dass schulisches Lernen im Rahmen außerunterrichtlicher Angebote anders gestaltet werden kann als im Regelunterricht. So erleben die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen in den Angeboten beispielsweise einen höheren Grad an Autonomie.

Désirée Theis, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung

redaktion.pp(at)universum.de

Welche Ganztagsschulformen gibt es?

Die KMK (www.kmk.org) beschreibt drei grundlegende Ganztagsschulformen, die sich im Grad der Verpflichtung zur Teilnahme am Ganztagsangebot unterscheide

  • Vollgebundene Form: Alle Schülerinnen und Schüler sind verpflichtet, an minimal drei Tagen in der Woche sieben Zeitstunden pro Tag am ganz- tägigen Angebot der Schule teilzunehmen.
  • Teilweise gebundene Form: Ein Teil der Schülerinnen und Schüler verpflichtet sich, an wenigstens drei Wochentagen für sieben Zeitstunden am Ganztagsangebot teilzunehmen.
  • Offene Form: Die Schülerinnen und Schülern haben die Möglichkeit, nach eigenem Wunsch am Ganztagsangebot teilzunehmen. Eine Teilnahme an drei Tagen für jeweils sieben Stunden ist an diesen Schulen möglich, jedoch keine Pflicht.

 

 

 

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