Prof. Dr. med. Stephan Letzel leitet das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz, sowie das neu gegründete Institut für Lehrergesundheit, das diesem angegliedert ist.

Prof. Dr. med. Stephan Letzel leitet das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz, sowie das neu gegründete Institut für Lehrergesundheit, das diesem angegliedert ist.

Mehr gesunde Lehrkräfte durch kompetente Betreuung

Wie gesundheitsförderlich das Klima einer Schule ist, lässt sich auch am Grad der psychischen und physischen Belastung ihres Lehrpersonals ablesen. An der Verbesserung dieses Klimas sind Wissenschaft und Praxis nicht unwesentlich beteiligt. Das wird auch an einem Projekt zur arbeitsmedizinischen Betreuung von Lehrkräften deutlich, das im vergangenen Jahr in Rheinland-Pfalz abgeschlossen wurde. Darüber sprach DGUV pluspunkt mit Prof. Dr. med. Letzel, dem Leiter des ersten deutschen Universitätsinstituts für Lehrergesundheit.

 

Was gab eigentlich den Anstoß für dieses Projekt in Rheinland-Pfalz?
Mit dem Arbeitsschutzgesetz existiert eine rechtliche Vorgabe. Danach besteht für jeden Arbeitnehmer, der in Deutschland einer Belastung am Arbeitsplatz ausgesetzt ist, neben dem Anspruch auf sicherheitstechnische, auch ein Anspruch auf kompetente arbeitsmedizinische einschließlich psychologischer Betreuung. Dass Vorgaben und Realität oft nicht dasselbe sind, wird von vielen Lehrkräften beziehungsweise ihren Personalvertretungen zu Recht bemängelt. Zudem ist eindeutig belegt, dass die arbeitsmedizinische Prävention und Gesundheitsförderung einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt der Leistungs- und Beschäftigungsfähigkeit liefern kann.
In Rheinland-Pfalz entschloss sich deshalb das Bildungsministerium im Jahr 2007, das Problem konsequent anzugehen und beauftragte das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz damit, ein Konzept zur arbeitsmedizinischen Betreuung der Lehrkräfte des Landes zu entwickeln, das die besonderen Verhältnisse dieses Bundeslandes ausreichend berücksichtigte.


Worauf richtete sich dabei anfangs Ihre Aufmerksamkeit?

Schnell zeigte sich, dass es in Rheinland-Pfalz, wie sicherlich auch in anderen Bundesländern, relativ viele Organisationen gibt, die sich mit Gesundheitsschutz an der Schule beschäftigen. Aber deren Zusammenarbeit ließe sich noch deutlich verbessern. Da sind die Unfallkasse und auch die Verwaltungs-BG, dann das pädagogische Landesinstitut, die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion des Landes sowie die einzelnen Krankenkassen und eine Vielzahl weiterer Akteure. Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass die Verantwortlichkeiten für Schulgebäude, Sekretariat und Hausmeister bei den Kommunen liegen, während für die Lehrkräfte das Bildungsministerium als Arbeitgeber zuständig ist. Das heißt, man muss oft zwei am Tisch haben, damit anstehende Probleme adäquat und zeitnah gelöst werden können.

Nicht nur warten, bis sich das Gefühl eingenistet hat, im Schulalltag mit den seelischen und körperlichen Belastungen allein gelassen zu sein.

Nicht nur warten, bis sich das Gefühl eingenistet hat, im Schulalltag mit den seelischen und körperlichen Belastungen allein gelassen zu sein.

Es ging also darum, die bereits bestehenden Aktivitäten besser aufeinander abzustimmen und auf diese Weise ihre Wirkung zu optimieren?

Koordinierend zu wirken war sicherlich ein ganz wichtiges Vorhaben unseres Projekts. Im Vordergrund stand aber immer die Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben. Und das hieß, während der drei Jahre dieses Forschungsprojekts genügend arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Erkenntnisse zusammenzutragen, um das Präventionsinstrumentarium dann so effektiv wie möglich einsetzen zu können. Alle Lehrkräfte gleichmäßig nach dem Gießkannenprinzip zu betreuen, macht unter ökonomischen Gesichtspunkten wenig Sinn. Wir haben deshalb auch versucht, Risikopopulationen zu identifizieren.


Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Unsere Hauptinformationsquelle und zugleich die wichtigsten Kooperationspartner während dieser Zeit waren selbstverständlichdie Schulen. Von den interessierten Schulen hatten sich nach einer ausführlichen Präsentation des Projekts neun Schulen aus dem Großraum Mainz freiwillig bereit erklärt, an dem Forschungsprojekt teilzunehmen.
Zwar genügte die Zusammenstellung nicht unbedingt repräsentativen Maßstäben, aber alle Schularten waren vertreten. Und damit war auch die grundsätzliche Möglichkeit gegeben, bei bestimmten Schulen Anforderungsprofile herauszuarbeiten. Dazu wurden in allen neun Projektschulen unter anderem Schulbegehungen zur Gefährdungsbeurteilung durchgeführt, weiterhin ein Gruppeninterview zur Erfassung psychosozialer Belastungen der Lehrkräfte und ein interaktiver Workshop, bei dem die jeweiligen Problemfelder in aller Ausführlichkeit zur Sprache kamen. Zudem wurde eine spezielle Sprechstunde für Lehrkräfte eingerichtet.


Sie erwähnten Risikopopulationen unter den Lehrkräften. Könnten Sie dafür Beispiele nennen?

An einer Förderschule mit mehrfach behinderten Kindern, die an dem Projekt teilnahm, müssen die Lehrkräfte und pädagogischen Fachkräfte Kinder bei den Toilettengängen begleiten. Teilweise müssen einzelne Kinder auch gewickelt werden. Sie müssen gehoben und getragen werden. Dazu kommen psychische Belastungen und erhöhte Infektionsgefahren. Aus arbeitsmedizinischer Sicht ein vielschichtiges Belastungsprofil, bei dem hoher Beratungsbedarf besteht. Ein anderes Beispiel: Neben ganz tollen Schulgebäuden gibt es leider auch Schulen beispielsweise mit Schadstoffbelastungen oder deutlichem Schimmelbefall, der zu gesundheitlichen Beschwerden innerhalb des Kollegiums führt. Um hier gezielt vorgehen zu können, ist eine Gefährdungsbeurteilung als Grundlage für die Einleitung geeigneter Maßnahmen dringend erforderlich. Und last but not least: Die Doppelbelastung Beruf und Familie, von der häufig Frauen betroffen sind, die in den meisten Schularten im Lehrerkollegium überrepräsentiert sind. Hier die Schule mit allen Anforderungen und Belastungen, und dort die Familie, die versorgt werden muss. Und nicht selten schleppen Lehrkräfte kistenweise Arbeit mit nach Hause. Am Sonntagabend, wenn andere sich anschicken, den "Tatort" anzuschauen oder einfach nur die Beine hochzulegen, müssen manche Lehrkräfte das noch erledigen, was für die kommende Woche nicht fertig ist, wie zum Beispiel Unterrichtsvorbereitungen oder Korrekturarbeiten.


In Ihrem Abschlussbericht über das Projekt sprechen Sie eine ganze Reihe weiterer wichtiger Faktoren an, die zur Belastung des Lehrerarbeitsplatzes beitragen können. Dabei geht es weniger um einen bestimmten Schultyp als vielmehr um Belastungen der individuellen und der gesamten Arbeitsatmosphäre an einer Schule.

Das Projekt im Internet

Ausführliche Informationen über das Projekt "Konzeptentwicklung einer arbeitsmedizinischen Betreuung von Lehrkräften in Rheinland-Pfalz" finden sich im Internet:

Könnten zukünftige Lehrkräfte nicht bereits während des Studiums auf ein kompetentes Auftreten in einigen der skizzierten Situationen vorbereitet werden und ihnen so vorhersehbare Belastungen erspart bleiben?

Erste Ansätze hierzu gibt es bereits. Nehmen Sie das Beispiel Stimmüberlastung: Der Raum ist hyperakustisch, die Klasse ist unruhig, weil die Kinder den Lehrer nur bedingt verstehen. Überstrapaziert dann eine Lehrkraft den ganzen Tag ihre Stimme, ist die Entwicklung von Stimmproblemen nicht verwunderlich. Hier könnte sich meiner Meinung nach eine Einbindung der Stimmerziehung in das Lehrerstudium segensreich auswirken, zudem müssen natürlich auch die entsprechenden Klassenräume optimiert werden.
Ebenso sollte der professionelle Umgang mit psychischen Belastungen und Stress am Arbeitsplatz sowie mit anderen praktischen Erfordernissen des Lehreralltags noch besser in das Lehramtsstudium integriert werden. Neben der Beherrschung eines klugen Zeitmanagements könnte man hier auch mit dem Einsatz der Supervision vertraut machen.


Eine zentrale Rolle bei der arbeitsmedizinischen Beratung und Betreuung der Lehrkräfte spielt die Gefährdungsbeurteilung, die in regelmäßigen Abständen an jeder rheinland-pfälzischen Schule durchgeführt werden soll. Wie stellen Sie sich die landesweite Umsetzung vor?

Die Arbeitgeberpflicht zur Durchführung solcher Gefährdungsbeurteilungen liegt beim Bildungsministerium. Einen besseren Überblick über die tatsächliche Situation an der jeweiligen Schule hat aber die Schulleitung. Wir haben daher vorgeschlagen, einen Teil dieser Verantwortung an die Schulleitungen weiterzugeben, wie dies bereits in anderen Bundesländern praktiziert wird. Dafür müssen die Schulleitungen allerdings qualifiziert werden. Ich gehe davon aus, dass sich in Rheinland-Pfalz die Qualifizierung und die damit einhergehende Übertragung einzelner Aufgaben vom Ministerium auf die Schulen mittelfristig vollziehen werden. Das darf aber nicht zu einem erhöhten Verwaltungsaufwand für die Schulen führen.
Augenblicklich ist unser Institut dabei, ein interaktives Internetprogramm für die Schulen zu entwickeln, mit dessen Hilfe die Schulleitungen, sobald sie qualifiziert sind, in die Lage versetzt werden, selbst eine grobe Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Damit könnte eine erste Bestandsaufnahme erfolgen, die erkennen lässt, ob an einer Schule bevorzugter Handlungsbedarf besteht.


Schon während Ihres Projekts haben Sie damit begonnen, die Verknüpfungen mit dem Landesprojekt "Lehrergesundheit", später dann mit dem Projekt der Unfallkasse "Stark für jede Stunde" zu verbessern. Interessierten Lehrkräften und Schulen bieten Sie in Ihrer "Lehrersprechstunde" Rat an.

Das trifft zu und wir sind von dieser Zusammenarbeit auch sehr angetan. Unser Beratungsangebot über die "Lehrersprechstunde" erfreut sich wachsender Beliebtheit. Mittlerweile wird unser Institut als Freiraum begriffen, in den sich Lehrkräfte mit wachsendem Vertrauen hineinbegeben. Insbesondere die Gründung eines neutralen Instituts für Lehrergesundheit an unserem Institut in Mainz im Jahr 2011 hat hierzu beigetragen.
Bei der Zunahme von Anfragen, die wir derzeit beobachten, wird allerdings eine weitere Standardisierung unserer Arbeit unumgänglich. Und mittelfristig ebenso eine weitere Personalaufstockung zur Wahrnehmung der anstehenden Aufgaben. Was ich Ihnen und den Lesern Ihrer Zeitschrift noch gerne und nachdrücklich sagen möchte: Das häufig anzutreffende negative Bild, das von Lehrkräften in der Öffentlichkeit gezeichnet wird, entspricht ganz und gar nicht meinen Erfahrungen während der Projektarbeit. Auch ich musste meine vorgefasste Meinung revidieren: Hier arbeiten sehr engagierte Leute, die unsere Gesellschaft dringend braucht. Aber nur als gesunde Lehrer können sie unserer kommenden Generation auch die erwarteten Bildungsqualitäten vermitteln.

Das Interview mit Prof. Letzel führte "DGUV pluspunkt"-Redakteur Paul Misterek.

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