Vertrauen aufbauen: Gemeinsam singen die Kinder das Lied "Wer hat den Keks aus der Dose geklaut?".

Vertrauen aufbauen: Gemeinsam singen die Kinder das Lied "Wer hat den Keks aus der Dose geklaut?".

"Die Lernfreude der Kinder erhalten"

Die Kooperationsbeauftragte des Schulamts der Stadt Würzburg, Ute Hofmann, vermittelt zwischen Erzieherinnen, Erziehern, Lehrkräften und Eltern. Gemeinsam entwickeln sie Angebote, die den Übergang von der Kita in die Grundschule erleichtern.

Johann überreicht Ute Hofmann stolz sein Bild. Der Vorschüler hat es auf Leinen gemalt und auf einen Rahmen gespannt. "Wie ein Künstler!", staunt Hofmann. "Bitte sage mir, was du da gemalt hast." Johann erzählt, dass seine Familie auf dem Bild in den Urlaub fährt. Mit dem Auto geht es über die Berge nach Italien. Hofmann nutzt solche Gesprächsanlässe gerne für den "Vorkurs Deutsch". Der Vorkurs ist eine Säule des Übergangskonzepts der Grundschule Würzburg-Heuchelhof und der nahegelegenen Kita, dem Weltkinderhaus. Dieses Jahr betreut Hofmann insgesamt 21 Vorschulkinder, die in drei Vorkursgruppen aufgeteilt sind. An der heutigen Gruppe nehmen neun Vorschulkinder teil. Das Ziel: Die Kita-Kinder werden in ihren Deutschkenntnissen geschult. Denn zirka 80 Prozent der Kinder stammen aus Familien mit Migrationshintergrund. Neben dem Weltkinderhaus betreut Hofmann als Kooperationsbeauftragte drei weitere Kitas in der Umgebung. Ihre Aufgabe ist es, mit Erzieherinnen, Erziehern, Lehrkräften und Eltern Angebote zu entwickeln, um die Kinder bestmöglich auf die Schule  vorzubereiten.


Zuhören und aussprechen lassen

Nach und nach finden sich die neun Kinder bei der Kooperationsbeauftragten ein. Jedes von ihnen nimmt sich etwas zum Spielen. Celina legt ein Zahlenpuzzle. Timo spielt mit Lego. "Es hat gegongt", ruft Luisa. Die Kinder räumen auf, nehmen Stühle und setzen sich im Kreis zusammen. Dann singen alle das Guten-Morgen-Lied auf Deutsch, Englisch und Rumänisch: "Guten Morgen, good morning, bunä diemieneatza". Das geht natürlich auch auf Russisch oder Polnisch. Nach der Begrüßung widmen sich die Kinder dem Hasen Nulli und dem Frosch Priesemut aus dem Buch "Gibt es eigentlich Brummer, die nach Möhren schmecken?". Jetzt sind alle gefordert, die Geschichte nachzuerzählen - aber in der richtigen Reihenfolge. Celina fängt an und erzählt: "Nulli ist der Hase und isst Möhren." Timo knüpft daran an und sagt: "Die Karotte muss man klein raspeln. Das macht der Hase mit den Zähnen." Ute Hofmann wiederholt die Sätze der Kinder und betont die einzelnen Silben, hilft ihnen bei der Aussprache und der Satzbildung. Das spielerische Nacherzählen fördert die Konzentration, das Zuhören und Aussprechenlassen. Es bereitet die Kinder auf die Arbeitsweise in der Schule vor. Die Lehrerinnen und Lehrer unterrichten ab dem kommenden Schuljahr die Erst- und Zweitklässler zusammen. Dabei wird der jeweilige Lernstoff der 1. und 2. Klasse nach dem Motto "so viel getrennt wie nötig, so viel gemeinsam wie möglich" vermittelt. Der Vorteil: Die Kleineren ahmen die Größeren nach und die Größeren festigen den Lernstoff, indem sie ihn den Kleineren erklären. So können die Kinder in ihrem individuellen Tempo lernen und die Lehrerinnen können gezielter auf Bedürfnisse eingehen.

Schnell kommt mit einem Interview das Gespräch in Gang: Die Erstklässler beantworten die Fragen der Vorschulkinder.

Vorkurskinder erzählen und spielen die Geschichte vom Hasen Nulli und vom Frosch Priesemut nach.

Interview mit den Erstklässlern
Lehrerin Annette Herrmann die Gäste. Schnell suchen sich die Vorkurskinder einen Platz im Stuhlkreis. Die Erstklässler singen das Begrüßungslied: "Guten Morgen liebe Gäste. Guten Morgen liebe Kinder." Franzi aus dem Vorkurs erklärt: "Wir wollen mit euch ein Interview machen." Dann geht es auch schon los. Luisa fragt: "Was macht ihr in der Schule?" Mehrere Hände schießen in die Höhe. Luisa zeigt auf Daniel. Er übernimmt das Mikrofon und antwortet: "Wir rechnen, schreiben und lesen." Franzi möchte wissen, was sich alles in der Schultasche befindet. "Schreibmäppchen, Hausaufgabenmappe, Schere und Kleber", antwortet die Erstklässlerin Nicole. "Und die Brotdose", ergänzt Philipp.


Vertrauen erzeugen

Nachdem alle Vorkurskinder ihre Fragen gestellt haben, holt Ute Hofmann eine Plätzchendose hervor. Die Dose ist leer. Hofmann beginnt zu singen und klopft mit ihren Händen auf die Knie: "Wer hat den Keks aus der Dose geklaut?" Alle Kinder steigen sofort ein. Die Erstklässler kennen das Lied vom Vorjahr, als sie im Vorkurs Deutsch waren. Hofmann singt weiter: "Leonie hat den Keks aus der Dose geklaut." - "Wer? Ich?" - "Ja, Du!" - "Niemals!" - "Wer dann?" Leonie überlegt kurz und singt: "Philipp hat den Keks aus der Dose geklaut." So geht es immer weiter. Die Kinder gehen vertraut miteinander um. "Das animiert auch schüchterne Kinder, sich einzubringen", schildert Hofmann. Am Ende öffnet sie eine Tüte mit Buchstabenkeksen. Alle Kinder greifen zu und überlegen sich Wörter, die mit den einzelnen Buchstaben beginnen, zum Beispiel S wie Saft. Daraufhin verabschieden sich die Vorkurskinder. Helga Wiesler erwartet sie bereits. Die Erzieherin begleitet die Kinder zurück in die Kita.

Als Kooperationsbeauft ragte vermittelt Ute Hofmann den Gedankenaustausch zwischen Lehrkräften, Erzieherinnen und Erziehern sowie Eltern. Sie entwickeln Angebote, die den Kindern den Übergang in die Schule erleichtern sollen.

LITERATUR

Griebel, W./Niesel, R.: Übergänge verstehen und begleiten: Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern, Cornelsen Verlag, 19,95 Euro

Hacker, H.: Bildungswege vom Kindergarten zur Grundschule: Theorie und Praxis eines kindgerechten Übergangs, Klinkhardt Verlag, 18,90 Euro

Netta, B./Weigl, M.: Hand in Hand. Das Amberger Modell - ein Kooperationsprojekt für Kindertagesstätten und Grundschulen, Finken Verlag 2006, 19,80 Euro

Absprachen treffen
Helga Wiesler kennt die Abläufe in der Schule sehr gut. Regelmäßig treffen sich die Erzieherinnen und Lehrerinnen, um sich auszutauschen. Für beide Seiten ist es wichtig, zu wissen, was in der Schule und im Kindergarten ansteht oder vorgefallen ist. Die Erzieherinnen greifen Themen aus dem Stundenplan der Schule auf und integrieren sie in den Tagesablauf der Kitakinder und umgekehrt. Neben den wöchentlichen Treffen nehmen die Lehrerinnen und Erzieherinnen an Fortbildungen teil - wenn möglich auch gemeinsam. "Am meisten profitieren wir vom direkten Austausch untereinander. Dann entstehen schon vor Ort neue Ideen, die wir mit den Kindern umsetzen können", erzählt Erzieherin Astrid Frank. "Denn unsere größte Aufgabe ist, die Lernfreude der Kinder in der Schule zu erhalten", betont Ute Hofmann. Nach anfänglichen Problemen sind Erzieherinnen und Lehrerinnen nun ein eingespieltes Team. Beide Seiten haben zudem ein besseres Verständnis für die andere Berufsgruppe - Wertschätzung und Respekt zwischen den Pädagogen spüren auch die Kinder.


Eltern einbinden

Genauso wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. "Regelmäßige Gespräche klären die Erwartungen", sagt Wiesler. Die Eltern werden so oft wie möglich eingebunden. "Es geht immer um das Kind", betont Hofmann. Deshalb ist es wichtig, die Familien zu kennen. Das geht nur mit Vertrauen. "Erst dann können wir helfen", sagt Hofmann, "und gegebenenfalls externe Hilfen einschalten, zum Beispiel Logopäden, Ergotherapeuten und Psychologen." Alle profitieren von der engen Zusammenarbeit - vor allem aber die Kinder.


AUTORIN

Diane Zachen ist Redakteurin bei "DGUV pluspunkt".


Fotoquelle:

Dominik Buschardt

 

 

Die Grundschule Würzburg-Heuchelhof zählt 420 Schülerinnen und Schüler und beschäft igt 37 Lehrkräfte sowie 12 Sozialpädagogen und Erzieher. Ute Hofmann, Kooperationsbeauftragte Kindergarten und Grundschule - Schulamt Stadt Würzburg, hatte im Schuljahr 2010/11 folgende Unterrichtsverpflichtung:
Vorkurs Deutsch, Deutschlerngruppe 2. Jahrgang und Katholische Religionslehre 2. Jahrgang.

Weitere Informationen zum Übergangskonzept gibt es unter:
www.ganztagsschule-heuchelhof.de

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