Geschlossene Klassenzimmer sind in Westerburg Vergangenheit: Lernen in offenen Räumen erfordert mehr Respekt und Selbstständigkeit. Fotos: BBS Westerburg

Geschlossene Klassenzimmer sind in Westerburg Vergangenheit: Lernen in offenen Räumen erfordert mehr Respekt und Selbstständigkeit. Fotos: BBS Westerburg

Mehr Kooperation, weniger Stress

Sie wollten nicht mehr Einzelkämpfer sein: Deshalb fassten die Lehrkräfte der Berufsbildenden Schule Westerburg den Beschluss, ihren Unterricht im Team zu planen. Seitdem gehen sie entspannter zur Schule.


In der Klasse von Dirk Kröller stecken Metallbauer die Köpfe zusammen, tüfteln an Projektmappen. Zeitgleich führt ihr Lehrer ein dringendes Telefonat mit einem Ausbildungsbetrieb. Kein Problem, meint Kröller gelassen. "Die Kollegen wissen Bescheid und haben die Jungs im Blick." Obgleich Kröller die Klasse einige Minuten verlässt, kommt niemand auf dumme Gedanken. Schülerorientiertes Lernen ist hier kein Fremdwort. Die Kollegen sind Mitglied im Team "Metalltechnik", informieren sich gegenseitig über Lernfortschritte ihrer Klassen und sind damit jederzeit in der Lage, Schülerfragen zu beantworten. Wenn nötig, springt einer für den anderen ein. "Die Arbeitspläne für den Unterricht erstellt unser Lehrerteam bei Projekten etwa 40 Stunden im Voraus", erläutert Kröller die Kooperation. Ein weiterer Grund für das entspannte Schulklima: Unterricht findet nicht mehr in isolierten Klassenzimmern statt, die Wände der Klassenräume wurden abgerissen. Die Gelegenheit dazu bot eine Schulgebäudesanierung. Heute finden sich hier offene Lernebenen, auf denen Klassen gemeinsam lernen. Ungewöhnlich war dieser Schritt vor acht Jahren schon, sagt Schulleiter Joachim Dell. Doch man war sich einig: "Das Lernen hinter geschlossenen Türen fördert weder selbstständige Schüler noch die Gesundheit der Lehrer."


Erschöpfte Einzelkämpfer früher in Rente

Schulalltag bedeutet Stress. Fast jede fünfte Lehrkraft glaubt nach einer neuen DAK-Studie, dass sie aufgrund ihrer angeschlagenen Gesundheit vorzeitig in Ruhestand gehen muss. Das zeigt die aktuelle Befragung von 1.300 Lehrkräften im Rahmen dieser Studie, welche die Universität Lüneburg im Auftrag der Krankenkasse an 29 Schulen in sieben Bundesländern durchführte. Nur 41 Prozent der Befragten glauben, dass Kraft und Gesundheit ausreichen werden, um bis zum gesetzlichen Pensionsalter durchzuhalten. Am meisten belasten Zeitdruck, fehlende Erholungspausen und große Leistungsunterschiede bei Schülerinnen und Schülern. Jede fünfte Lehrkraft ging im Jahr 2010 im Alter von 58 Jahren wegen Dienstunfähigkeit in Rente. Oft spielt auch das Verhältnis zum Chef und zu Kollegen mit. "Wenn die Schulleitung weniger mitarbeiterorientiert ist und es Unstimmigkeiten oder Streit im Kollegium gibt, treten emotionale Beanspruchungen häufiger auf", erklärt Projektleiter Prof. Dr. Lutz Schumacher von der Uni Lüneburg. "Einen wichtigen Schutzfaktor für die Gesundheit stellt neben der Unterstützung durch die Familie auch die Zusammenarbeit im Team dar." Dies bestätigt der Schulleiter der BBS Westerburg: "Die gegenseitige Unterstützung und Wertschätzung haben bei uns Priorität."

Immer wieder dienstags: Tipps von und für Kollegen bei der Unterrichtsvorbereitung im Team.

Immer wieder dienstags: Tipps von und für Kollegen bei der Unterrichtsvorbereitung im Team.

Transparenz auf allen Ebenen
2.860 Schülerinnen und Schüler besuchen die BBS Westerburg in Rheinland-Pfalz mit den Schulformen: Berufsschule,
Berufsfachschule, höhere Berufsfachschule, Fachschule, Duale Berufsoberschule und Berufliches Gymnasium. Den Wandel zu offenen Raumstrukturen erklärt Dell so: "Wir wollten eine radikale Veränderung, um die Teamarbeit der Lehrkräfte und das selbst organisierte Lernen der Schülerinnen und Schüler zu stärken." Gleichzeitig wollte man die Abkehr vom Lehrer-Einzelkämpfer. Da war es konsequent, offen zu gestalten. Auf jeder Ebene werden mehrere Klassen ähnlicher Ausbildungsberufe unterrichtet: Ein Raum für Erzieherinnen und Erzieher, ein offener Bereich für Berufsfachschule und Berufsvorbereitungsjahr, eine Ebene für kaufmännische Berufe sowie die Ebene Berufsschule Metall für technische Berufe. Auch für Hauswirtschaft, Altenpflege und das Berufliche Gymnasium wurden Unterrichtsebenen konzipiert. Die Grundstruktur ist überall gleich: Um einen großen zentralen Raum, der von allen genutzt wird, gruppieren sich die Klassenräume, die zu diesem zentralen Raum hin geöffnet sind, teils völlig offen oder mit flexiblen Raumteilern versehen oder mit Glasfeldern getrennt. Dies erleichtert den Methodenwechsel, variable Dreiecktische werden nach Bedarf gestellt.


Leichter Zugriff auf Medien

Erstaunlich ruhig ist es auf der Ebene "Berufsvorbereitungsjahr und Berufsfachschulen". Keine gelangweilten Jugendlichen mit langen Gesichtern. Null Bock auf Schule? Fehlanzeige. Die Schülerinnen und Schüler von Hartmut Frank sitzen in Tischgruppen beim Bewerbungstraining und gestalten ihren Arbeitsauftrag am Laptop. Aus einem mobilen Notebook-Schrank, der auf jeder Ebene bereit steht, haben die jungen Leute die Geräte geholt. Nach Gebrauch werden sie zurück gestellt. "So sparen wir uns den EDV-Raum und weite Wege", erklärt Lehrer Frank. Auch Diebstahl, Zerstörung und Verschmutzung haben durch die offenen Räume so gut wie keine Chance. Während die Klasse ihre Aufträge bearbeitet, hat Hartmut Frank Zeit, mit einer Kollegin im Lehrerzimmer ein Projekt zu koordinieren. Jede Lernebene verfügt über ein eigenes Lehrerzimmer, ohne Tür und trotzdem ideal für ein Gespräch. So läuft der Austausch von Information und Arbeitsmaterial ohne viel Zeitaufwand.


Team fördert Berufszufriedenheit

Rund 30 Lehrerteams mit je drei bis zehn Personen planen, gestalten und evaluieren den Unterricht innerhalb der Fachbereiche. Jeder der 130 Lehrerinnen und Lehrer gehört ein bis zwei, ausnahmsweise auch drei Teams an. Den Dienstagnachmittag halten alle für Teamkonferenzen frei. Ein schulweiter Kalender ermöglicht jeder Lehrkraft, an den für sie relevanten Teamsitzungen teilzunehmen. Zu Beginn des Schuljahrs formulieren die Teams ihre Ziele und Aufgaben für das Jahr, einigen sich auf einheitliche Bewertungskriterien für Klausuren, erstellen teaminterne Stunden- und Vertretungspläne. Fortbildungen beantragt ein Team gemeinsam. Dass der Weg der Kooperation gesundheitlich entlastet und anspornt, voneinander zu lernen, bekommt Schulleiter Dell immer wieder zu sehen und zu hören. Bei einer Lehrerbefragung der Universität Mainz schnitt Westerburg entsprechend positiv ab: Von zwölf befragten berufsbildenden Schulen in Rheinland-Pfalz landeten die Lehrer der BBS Westerburg auf Platz eins mit der höchsten Berufszufriedenheit. Auch Ältere kommen im Team gut klar. "Das hat uns überrascht", meint Dell. Wer länger als 20 Jahre unterrichtete, zeigte die höchste Zufriedenheit.

Aktiv in der Gruppe. Auf Frontalunterricht komplett verzichten wollen die meisten aber nicht.

Aktiv in der Gruppe. Auf Frontalunterricht komplett verzichten wollen die meisten aber nicht.

Vom Lerninstruktor zum Lernmoderator
Beim selbst organisierten Lernen (SOL) fällt der Lehrkraft eine neue Rolle zu: Sie moderiert und berät, fungiert als Lernbegleitung. Dies bekommt der Besucher auch auf der Ebene Altenpflege zu spüren. Eine Gruppe von Schülerinnen gestaltet Plakate im Fach Arzneimittellehre. Lehrerin Christiane Fohrländer schaut vorbei, gibt Tipps, falls es klemmt. Ihre Kollegin ist ebenso Ansprechpartnerin für Fragen dieser Schülerinnen. "Das ist ein entspanntes Arbeiten, weil jeder weiß, was beim anderen gerade läuft", sagt Fohrländer. Folglich kann ein Lehrerteam seine Vertretungspläne besser organisieren. Noch etwas fällt auf: Keine Schulglocke läutet, die aus dem Takt bringt. Der Wechsel vom 45-Minuten-Takt zum Blockunterricht ermöglicht konzentriertes Arbeiten. Nebenan wird eine Klausur geschrieben. Da ist Rücksichtnahme erwünscht. Einige Schülerinnen trommeln genervt mit den Fingern auf den Tisch und beschweren sich: "Könnt Ihr nicht leiser sein?" Solche Sprüche wirken, sagen die Pädagogen, weil sie von den Jugendlichen selbst kommen.


Zügig in Gang bringen

Bei der Umsetzung einer gesundheitsförderlichen Lernumgebung sollte nicht zu viel Zeit verstreichen. Veränderungen wie in Westerburg, betont der Schulleiter, könnten nicht jahrelang gleitend und "sanft" eingeführt werden. "Sie müssen radikal und im Gesamten durchgeführt werden, abgesichert durch Konferenzbeschlüsse." Allerdings müssten Schülerinnen und Schüler intensiv in die neuen Lernformen eingeführt werden. Auch für die Pädagoginnen und Pädagogen funktioniert offene Arbeit nur, falls sie bereit sind, sich zu öffnen, eigene Stärken und Schwächen zu erkennen. Die "Transparenz" im Lehrerteam mag zu Beginn auch Ängste hervorrufen, lohnt sich aber, so die Erfahrung: Jeder lernt vom anderen, jeder kann Vorbild sein. Den Prozess trägt das ganze Team mit. Mittlerweile macht das Modell aus dem Westerwald Schule: Von den 60 Besuchergruppen im Jahr (!), die sich vor Ort von der teamorientierten Organisation überzeugten, sind mehrere Schulen anderer Bundesländer dem Beispiel Westerburg gefolgt.

Fortbildung


Die BBS Westerburg bietet für interessierte Lehrkräfte und Schulleitungen Fortbildungen zu den Themen: Teamentwicklung, schülerorganisiertes Lernen, flexible Lern- und Unterrichtszeitmodelle an. Weitere Infos zu Fortbildungsmodulen gibt es auf der Homepage www.bbs-westerburg.de. Dort findet sich auch die aktuelle Teamstruktur unter > Die Schule > Organigramm.

AUTORIN


Christine Speckner
ist freie Journalistin mit Tätigkeitsschwerpunkt Reportagen. Sie lebt bei Freiburg im Breisgau.

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