Auffälliges Verhalten von Kindern erkennen und verstehen

Wie sich eine Person verhält, hängt davon ab, in welchem Umfeld sie lebt, von den Menschen, mit denen sie in Interaktion tritt. Wer auffällt, weicht von den Werten und Normen der Gemeinschaft ab. Ein objektives "Richtig" oder "Falsch" gibt es nicht.


Auffälliges Verhalten erkennen

Verhaltensauffälligkeiten gibt es nur dann, wenn es einen Beobachter gibt, der sagt: Dieses Verhalten ist auffällig. Die Auffälligkeit oder Störung ist kein Merkmal des Verhaltens, sondern stellt eine Bewertung eines oder mehrerer Beobachter dar. Es gibt keine objektiven Maßstäbe, um Verhaltensauffälligkeiten zu bestimmen. Vielmehr sind es gesellschafftlich festgelegte Normen und Werte einer Kultur über das, was richtig oder falsch, normal oder auffällig ist. Bezeichnen Erwachsene ein Kind als verhaltensauffällig oder verhaltensgestört, sollte allerdings immer auch gefragt werden, ob nicht eventuell die Erwachsenen "erwartungsauffällig" oder "erwartungsgestört" sind. Im Übrigen bewerten nicht nur Außenstehende das Verhalten einer Person.

Menschen sind immer auch Beobachter ihrer selbst und sagen eventuell von sich: Ich verhalte mich unnormal, auffällig, gestört. Um das Problem fehlender objektiver Maßstäbe für auffälliges Verhalten zu lösen, pflegt eine Kultur Konsens darüber herzustellen, was normal und was auffällig oder gestört ist. Dies ist ein grundsätzlich berechtigtes Vorgehen, wenn es darum geht, dass das Kind in unserer Gesellschaft zu leben lernt. Insofern ist eine Charakterisierung eines Verhaltens als in unserer Kultur auffällig oder unangemessen durchaus nicht unsinnig, auch wenn dasselbe Verhalten in anderen Epochen oder in einer anderen Kultur als normal bezeichnet würde. Diese Einstufung erstreckt sich auf einem Kontinuum von (leicht) auffällig bis (schwer) gestört beziehungsweise psychisch krank, auf dem die Grenzen und damit die Zuständigkeiten für die Veränderung oft schwer zu bestimmen sind. Zeigt ein Kind ausgeprägte Verhaltensauffälligkeiten über einen längeren Zeitraum in einer typischen Form, stellen die Mediziner psychische Diagnosen - heute nach ICD 10¹ oder DSM IV² -, die "einen klinisch erkennbaren Komplex von Symptomen oder Verhaltensauffälligkeiten anzeigen" (Vorwort der ICD 10), also auch nur Beschreibungen darstellen.


Auffälliges Verhalten verstehen

Menschliches Verhalten ist am besten zu verstehen, wenn man es im Zusammenhang des Verhaltens seiner wichtigsten Interaktionspartner betrachtet. So müsste beispielsweise das Verhalten eines Fußballspielers völlig unsinnig erscheinen, wenn es gelänge, nur ihn allein zu betrachten: Sein Auf- und Abrennen, Hochspringen und Stürzen, Jubeln und Schimpfen und vieles andere mehr. Das ändert sich aber, sobald die anderen Mitspieler und ihr Verhalten in die Betrachtung mit einbezogen werden. Nun erkennt man, dass das Verhalten des Fußballspielers eng mit dem seiner Mitspieler verflochten ist. Sein Verhalten bekommt auf einmal einen Sinn. Genauso verhält es sich im täglichen Leben: Das Verhalten des Einzelnen bezieht sich immer irgendwie auf andere und ist ohne diesen Zusammenhang nur schwer zu verstehen.


¹Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD, engl.: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das wichtigste, weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationssystem der Medizin. Es wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. Die aktuelle, international gültige Ausgabe (engl. revision) ist ICD-10, Version 2011.
²Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV) enthält fünf Achsen, auf denen Störungen beschrieben werden.

Die wichtigen Beziehungspartner, also diejenigen, die in vielen Situationen miteinander umgehen, beeinflussen jeweils den Verhaltensspielraum des anderen. Dennoch entscheidet der Einzelne autonom und eigenverantwortlich über sein Verhalten, was keineswegs ein bewusster Prozess sein muss. Insofern bedingen die Interaktionspartner das Verhalten des Einzelnen, aber sie verursachen es nicht - so wie der Schachspieler durch seinen Zug den nächsten Zug seines Schachpartners bedingt, aber nicht verursacht. Auch Eltern verursachen niemals die Auffälligkeiten und Störungen ihrer Kinder - ebenso wenig wie Lehrkräfte, Kindergärtnerinnen, Kindergärtner oder andere. Aber sie bedingen sie. In unterschiedlichem Ausmaß und mit unterschiedlicher Bedeutsamkeit beschreiben sie durch ihr Verhalten die Bedingungen, unter denen das Kind als autonomer, eigenständiger und keineswegs beliebig manipulierbarer Mensch aufwächst und sich verhält.


Faktoren für das Auftreten auffälligen Verhaltens

Dort, wo Menschen miteinander umgehen, entwickeln sich nach einiger Zeit bestimmte Regeln, die das Verhalten des Einzelnen bestimmen: in der Familie, in der Schule, in der Gruppe Gleichaltriger. Diese "Spielregeln" des Miteinander existieren meist unausgesprochen, den Beteiligten zumeist auch nicht bewusst, werden eher selten offen und direkt verhandelt, steuern aber das Verhalten der Beteiligten. Sie müssen ständig geändert werden, um den sich verändernden Bedingungen gerecht werden zu können, beispielsweise dem Älter- und Selbstständigerwerden des Kindes. Geschieht das nicht, kann es zum Beispiel in einer Familie geschehen, dass die familiären Regeln nicht mehr "passen" und damit bedingender Faktor für auffälliges und störendes Verhalten werden.


Faktoren für das Aufrechterhalten auffälligen Verhaltens

Die Tatsache, dass Verhalten immer in Situationen auftritt und in diesen situativen Zusammenhängen am besten zu verstehen ist, wird von uns allen im Sprechen darüber häuffig vergessen. Wir neigen dann dazu, von einer oder einem anderen zu sagen, sie beziehungsweise er sei freundlich, aggressiv oder Ähnliches, statt richtigerweise zu formulieren, sie beziehungsweise er verhalte oder zeige sich in bestimmten Situationen oder Beziehungen freundlich, aggressiv oder Ähnliches. Dadurch machen wir situationsbedingte Verhaltensweisen zu Eigenschaften der Person. Die aber sind wesentlich schwerer zu verändern als ein bestimmtes situativ bedingtes Verhalten. Wir tragen also durch unsere Sprache dazu bei, dass ein anderer sein uns unerwünschtes Verhalten aufrechterhält. Schlimmer noch: Wir verleiten den anderen dazu, ebenfalls in Ich-bin-Beschreibungen zu denken. Wir wecken und fördern damit seine Überzeugung, dass dieses Verhalten gar nicht oder nur schwer zu ändern sei.

 

AUTOR

Dr. Wilhelm Rotthaus ist Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie; ehemaliger Fachbereichsarzt der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie der Rheinischen Kliniken Viersen.

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