Fehler sind das Salz des Lernens - und des Lebens

Wer Neuland betritt, macht Fehler. Sie sind wichtiger Bestandteil des Lernprozesses und der menschlichen Kultur. Deshalb gilt: Fehler machen ist normal. Wichtig ist dabei, daraus zu lernen und nach kreativen Lösungen zu suchen.


Wie sähe eigentlich ein Fußballspiel aus, wenn es so laufen würde, wie das Lernen und die Schule nach der Meinung der meisten Menschen zu funktionieren hätten, nämlich fehlerlos? Anstoß an der Mittellinie. A gibt zu B, der weiter zu C und Tor. 1:0. Jetzt Anstoß der anderen Mannschaft . Z flankt zu U und dann schießt W das brave Gegentor. 1:1. Und so weiter. Aber das ist ganz hypothetisch. Denn kein Zuschauer wäre gekommen. Niemand hätte dieses tödlich langweilige Spiel freiwillig mitgemacht. Unter der Voraussetzung der Fehlerlosigkeit würde es gar keinen Fußballsport geben - und auch sonst nichts. Tatsächlich laufen beim Fußball elegante Kombinationen selten über mehr als zehn Stationen. Fußball spielen heißt einfach, dass nach ein paar Spielzügen etwas dazwischen kommt. Ein gegnerischer Fuß oder ein eigener Fehler. So entstehen ständig unvorhersehbare Situationen, Probleme. Aber "problems are our friends", sagt Michael Fullan, der kanadische Erziehungswissenschaftler und Change-Theoretiker. Probleme sind der Rohstoff . Er ist zu kultivieren. Es ist keineswegs so, wie es immer wieder in Sonntagsreden heißt, dass Bildung der Rohstoff in einem rohstoff armen Land sei. Nein, Bildung ist kein Rohstoff , der zur Weiterverwertung bereit gestellt wird. Bildung bedeutet Kultivierung.

Vielleicht erinnert sich manch einer noch an gereizte Eltern beim Mittagoder Abendessen, wenn Hausaufgaben und Klassenarbeiten vorgezeigt wurden. "Was hast Du denn da wieder für einen Fehler gemacht!" Den Vormittag schon hatte sich die pädagogische Inquisition an Mathe, Latein und Erdkunde erprobt. Nur nichts falsch machen! Das war hinter all dem Schulstoff die Botschaft der roten Tinte. Die Gegenreaktion der Schülerinnen und Schüler: Perfektion vortäuschen. Intelligent gucken, statt angeblich dumme Fragen zu stellen. Dabei verschwand langsam die Lernfreude. Auch die Freundlichkeit zwischen Kindern und Lehrpersonen wich häufig einer allmählichen Verfeindung oder bloßer Gleichgültigkeit. Man gewöhnte sich an eine gewisse Normalverwahrlosung im Schulalltag.

"Hast Du heute schon einen Fehler gemacht?" Die gleiche Frage, allerdings ganz anders betont, stellt sich das Management mancher Unternehmen neuerdings in einer Art Mittagsmediation. Der Fehlversuch soll nicht mehr verfolgt und verborgen werden. Er darf gezeigt werden. Er gilt nun als Eintragung im mentalen Pass, an der sich Grenzgänger zu erkennen geben. Wer Neuland betritt, macht Fehler, unweigerlich. Wer bei der neuerlichen Fehlermediation nichts vorzuweisen hat, steht dumm da, denn wer noch keinen Fehler gemacht hat, der hat vielleicht noch gar nichts gemacht. Das veränderte Verhältnis zum Fehler deutet einen Wandel in der Verfassung der Gesellschaft an. Abschied von der industriellen Standardisierung und stattdessen die langsame Entdeckung des Vorteils, verschieden zu sein. Fehler verlieren die Aura von Sünde und Verfehlung. Wenn sie nicht mehr verleugnet oder vertuscht werden, dann werden Fehler ein Medium zur Erkenntnis und Selbsterkenntnis. Über sie wird Neues entdeckt und mit der Vielfalt der Probleme - auch der an sich selbst wahrgenommenen Probleme - wird die Menge möglicher Lösungen vermehrt.

Es kommt also darauf an, was man aus Fehlern macht. Vor allem aber zeigt sich am Umgang mit ihnen, was man unter Lernen versteht. Ist eher Kopieren gemeint oder eine konstruktive Leistung von Individuen, von denen jedes auf seine Weise lernt? Folgt das Lernen der engen Unterscheidung richtig/falsch oder einer erweiterten von möglich/ nicht möglich? Ist Lernen Weiterweben an der eigenen Geschichte, um sie mit der Welt zu verknüpfen? Eine Biographie wie ein guter Teppich, jeder ist anders und etwas unregelmäßig und dadurch schön? Oder stellt man sich Lernen, um im Bild zu bleiben, als die Produktion von Auslegeware vor, möglichst fehlerlos, standardisiert, nicht schön, aber robust zu nutzen?

In der Antike polemisierten Heraklit und Herodot gegen die Vorstellung, Wissen bedeute Schiffe mit einer Fracht zu beladen. Und in der Renaissance schrieb der Dichter, Arzt und Priester Francois Rabelais: "Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Flammen, die entzündet werden wollen." Das könnte auch das Motto für eine Zweite Renaissance werden, für die sich heute große Chancen bieten: Abkehr vom Fässerfüllen, Abkehr von einem taktischen Lernen, das immer häufiger Lernbulimie genannt wird. Der Fehler ist das Salz des Lernens. Das ist eigentlich nur das alte Lied der Evolution. Man stelle sich vor, Einzeller hätten bei ihrer Vermehrung einen perfekten Schutz gegen Kopierfehler entwickeln können? Es würde uns schlicht nicht geben. Mutationen ermöglichen die Evolution. Fehler sind nicht nur das Salz des Lernens, sondern des Lebens. Wenn wir die Evolution als einen Lernprozess begreifen, den die menschliche Kultur noch weiter intensiviert hat, einen Lernprozess, dessen Teil wir sind, dann lösen wir uns von einem eingeschränkten Verständnis, das im Lernen nur die passive Seite von Belehrungen sehen konnte. An Kindern kann man beobachten, wie Lernen geht. Das Erlernen der Sprache ist eine Expedition durch einen Dschungel voller Unfertigkeiten und Fehler. Man stelle sich vor, Kinder müssten ihre Muttersprache so lernen, wie man zumeist noch in der Schule lernt? Im Sitzen. Erst mal die Theorie. Dann die Regeln. Schließlich die Ausnahmen von der Regel. Grammatik und Wörter fein säuberlich getrennt. Niemand könnte sprechen.

Der aufrechte Gang ist neben der Sprache die andere enorme Lernleistung, die jedes Kind schafft . Kinder lernen den aufrechten Gang von Fall zu Fall, über Fehlversuche und nicht durch Belehrung. Und ein Leben lang bleibt der aufrechte Gang eine Folge aufgefangenen Fallens, Schritt für Schritt, Wechsel von Stabilität und Instabilität.

Ließen sich Fehlerverbote bei Kindern tatsächlich durchsetzen, sie erwiesen sich als Entwicklungsverbote. "Macht mehr Fehler und macht sie früher, denn wovon sonst wollt ihr lernen!" Damit findet Management-Guru Tom Peters in den Unternehmen starke Resonanz. Das hätten wir uns damals in der Schule nicht träumen lassen - und wir haben viel geträumt im Unterricht.

Aber es liegt ja auf der Hand: Wenn es darum geht, gesättigte Märkte mit "Innovationen" zu reizen, dann muss in den Unternehmen eine Atmosphäre für Kreativität geschaffen werden und dann muss die Angst vor Fehlern abgebaut werden, genauer gesagt, die Angst vor der Angst, die Angststarre, die Selbstverleugnung. "Ich ernähre mich von meinen Fehlern", sagte Joseph Beuys. Es geht nicht darum, alte dumme Fehler zu wiederholen, sondern neue, intelligente Fehler zu wagen. Doch zur alten Schule passen immer noch am besten die Fehlervermeider, die Lehrplanerfüller, die Streber.

Apropos Streber. Er ist zwar keine deutsche Besonderheit, aber er ist in diesem Kulturkreis eine besonders häufige und ausgeprägte Figur. Das deutsche Wort "Streber" wird in anderen Sprachen sogar als Lehnwort benutzt. Mit Streber werden allerdings nicht nur die Schleimer und Opportunisten bedacht, sondern häufig auch Schülerinnen und Schüler, die viel wissen wollen, die sich für die Sachen interessieren, die einfach gut sein wollen.

Vor allem Schüler stellen andere Schüler mit dem Strebervorwurf unter den Generalverdacht der Kollaboration mit dem Feind, dem Lehrer. Auch das gehört zur überkommenen und in Auflösung befindlichen Kultur von Perfektion und Fehlervermeidung: Verhärtungen in Rechthaberei und eine Neigung sich zu verfeinden, Rückzug in die innere Emigration und Dienst nach Vorschrift. Kinder gehen dann zur Schule wie zum Zahnarzt. Lehrer praktizieren aus lauter Angst dann immer noch eine "Osterhasenpädagogik", bei der sie das Wissen verstecken, um ihre Schüler danach suchen zu lassen.

PS Mit diesem Lob des Fehlers ist kein Freibrief fürs Falschmachen gemeint. Schon gar kein Plädoyer fürs Luschige, von der Art, "Ist ja eh alles egal". Nein, nichts ist egal. Alles ist besonders. Jedes ist individuell.

 

AUTOR

Reinhard Kahl Erziehungswissenschaftler, Journalist und Filmemacher, Reinhard Kahl. Im Zentrum seiner Arbeit stehen die Lust am Denken und Lernen, die Zumutung belehrt zu werden und die endlosen Dramen des Erwachsenwerdens. Zahlreiche Preise (Grimme, Civis). Gründer des

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