Persönlichkeitsbildung kommt vor der Vermittlung von Fachwissen, meint Daniel Kittel. Foto: Christine Breuer

Daniel Kittel

32 Jahre, unterrichtet an der Grund- und Werkrealschule in Seelbach Deutsch, Erdkunde sowie Sport und gehört zum erweiterten Schulleitungsteam. Am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Offenburg bildet er Referendare aus. Bei einem berufsbegleitenden Masterstudium "Schulmanagement" an der TU Kaiserslautern hat Kittel sich mit Organisations-, Unterrichts- und Schulentwicklung beschäftigt.

"Intensive Betreuung zahlt sich aus"

Die baden-württembergische Grund- und Werkrealschule Seelbach, die bis 2010 Hauptschule war, setzt auf Persönlichkeitsbildung und praxisnahe Berufsvorbereitung. Lehrer Daniel Kittel berichtet über den Wechsel der Schulform und erklärt, wo die Unterschiede zwischen Werkreal- und Gemeinschaftsschule liegen.


Früher Hauptschule, heute Werkrealschule - wie hat sich der Wechsel der Schulform im Alltag bemerkbar gemacht?

Die Werkrealschule will die Lerninteressen und Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler stärker berücksichtigen. Ab Klasse 8 können sie unter verschiedenen Lernschwerpunkten wählen. Das Lehrerkollegium unterstützt bei der Wahl mit einer Kompetenzanalyse. Bei diesem Verfahren, das in Schulen und in der Wirtschaft angewandt wird, werden Beobachtungsaufgaben, Tests, Fragebögen sowie Selbst- und Fremdeinschätzungen kombiniert.


Kamen mit der neuen Schulform noch weitere Änderungen?

Unsere Schule erhielt mehr Unterrichtsstunden, pro Woche zwei Stunden zusätzlich in den Fächern Deutsch und Mathematik. Eine Wochenstunde pro Fach gilt als individuelle Förderung. Dann unterrichten zwei Lehrer gleichzeitig, um den unterschiedlichen Leistungsstärken der Schüler besser gerecht zu werden.


Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Team-Teaching gemacht?

Es bleibt mehr Zeit für die Betreuung einzelner Schüler. Und wenn sich die pädagogischen Einstellungen und Haltungen der Lehrkräfte stark unterscheiden, kann das dazu beitragen, dass Pädagogen ihre Vorstellung von Unterrichtsgestaltung überdenken.


Das baden-württembergische Kultusministerium fördert mittlerweile die Einrichtung von Gemeinschaftsschulen. Ist diese Schulform künftig auch in Seelbach denkbar?

Die Gemeinschaftsschule wird hier vor Ort kontrovers diskutiert. Ich sehe durchaus große Unterschiede zwischen beiden Schulformen. Die Gemeinschaftsschule betont das selbstbestimmte Lernen. In der Werkrealschule steht die Gewinnung von Ich-Stärke an erster Stelle, erst dann kommt die Vermittlung von Fachwissen. Persönlichkeitsbildung spielt deswegen eine so große Rolle, weil viele unserer Schüler ihr Selbstbewusstsein oft erst entwickeln oder wiederentdecken müssen. Damit die Fähigkeit zum selbstständigen Lernen überhaupt wächst, ist zunächst eine intensive Betreuungs- und Beziehungsarbeit notwendig. Zeit haben für die Jugendlichen steht an erster Stelle. Ich hätte die Sorge, dass das beziehungsorientierte Arbeiten mit Schülern in einer Gemeinschaftsschule verloren ginge.


Das hört sich auch nach unterschiedlichem Rollenverständnis der Lehrkräfte an.

Im Lernatelier der Gemeinschaftsschule steht der Lernberater eher am Rand des Geschehens. In der Werkrealschule ist der präsente Lehrer gefragt, der über die Fachvermittlung hinaus als Beziehungsperson da ist. Eine aktuelle Studie des Pädagogen John Hattie lenkt die Aufmerksamkeit auf die Persönlichkeit des Lehrers, die laut Hattie die entscheidende Rolle für gelingendes Lernen überhaupt spielt.

Gemeinschaftserlebnisse werden im Alltag der Seelbacher Werkrealschule großgeschrieben. Foto: privat

Die Grund- und Werkrealschule Seelbach

liegt im mittleren Schwarzwald. An der Schule unterrichten 31 Lehrkräfte 364 Schülerinnen und Schüler. Oberstes Ziel ist, die Schüler für die Ausbildung fit zu machen. Mit dem Konzept der Bewegten Schule sollen Körperbewusstsein und kognitive Fähigkeiten gefördert werden. Das FORD-Programm wurde entwickelt, um das Verhalten von Schulstörern zu ändern. Eine umfangreiche Darstellung des Schulkonzepts ist im Schulportfolio unter www.gwrs-seelbach.de zu finden.

Bei einer Evaluation des Landesinstituts für Schulentwicklung Baden-Württemberg wurde die Seelbacher Werkrealschule auf Herz und Nieren geprüft. Wie war das Ergebnis?
Besonders gelobt wurden die gute Unterrichtsatmosphäre und die umfassende Berufsvorbereitung der Schüler. Insgesamt wurde unserer Werkrealschule ein überragendes Ergebnis attestiert.


Wie sieht die berufliche Bildung an der Schule konkret aus?

Bei Schnupperpraktika begleiten Kinder ihre Eltern an den Arbeitsplatz und berichten anschließend ihre Erfahrungen in der DGUV pluspunkt 2/2013 Schulformen im Wandel Klasse. Später informieren wir über Berufsbilder wie die Ausbildung zum Facharbeiter oder zur Krankenschwester. Während der Jahrgangsstufen 7 und 8 stehen drei Wochen Berufspraktikum auf dem Programm. Im Deutschunterricht wird das gesamte Bewerbungsverfahren geübt, im zehnten Schuljahr trainieren die Jugendlichen Vorstellungsgespräche vor laufender Kamera.


Auf welche Weise wird die heimische Wirtschaft eingebunden?

Eine örtliche Firma schreibt für unsere Neunt- und Zehntklässler regelmäßig fiktive Stellen aus. Auf ihre Bewerbung erhalten die Schüler von den Personalfachleuten eine persönliche Rückmeldung.


Schüler mit niedrigen Bildungsabschlüssen verlieren vor Ausbildungsbeginn oft viel Zeit, weil sie im schulischen Übergangssystem landen und etwa ein Berufseinstiegsjahr absolvieren.

In dieser Hinsicht haben wir gute Erfolge, die intensive Betreuung zahlt sich aus. Von 20 Schülerinnen und Schülern in Klasse 10 beginnen fünf eine betriebliche Berufsausbildung. Der Rest der abgehenden Zehntklässler besucht weiterführende Schulen, etwa eine zweijährige Berufsfachschule, oder schlägt den Weg zur Fachhochschulreife ein. Die Schüler, die nach der Klasse 9 abgehen, besuchen vermehrt die zweijährige Berufsfachschule und holen ihren Realschulabschluss in zwei Jahren nach. Einzelne beginnen bei einem Betrieb direkt eine Lehre. Nur ganz wenige Schüler landeten bisher im sogenannten schulischen Übergangssystem.


Verfolgen die Lehrer die Berufswege der Abgänger?

Wir pflegen einen Stammtisch der Ehemaligen. Ein Jahr nach der Schulentlassung berichten uns die Schülerinnen und Schüler, wie ihnen die Berufswelt gefällt und welche Erfahrungen sie in der Berufsschule machen. Diese Kontaktpflege mit den Schulabgängern gehört ebenfalls zum Konzept des Kümmerns. Sich Zeit nehmen ist auch hier wieder das Entscheidende.


Das Gespräch führte René de Ridder,
Redakteur bei DGUV pluspunkt.

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