Maria Kerchner, Emil-Dörle-Schule

Maria Kerchner, Emil-Dörle-Schule

Begleiten statt belehren

Frau Kerchner, was sind die Vorteile des EVA ?
Die Kinder haben ihr eigenes Lernen in der Hand. Sie sehen selbst, was sie geschafft haben. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein und ihre Motivation. Genau das brauchen sie ja im Leben. Auch werden durch EVA unterschiedliche Methodenkompetenzen wie Mindmapping, Präsentations- und Lerntechniken ausgebildet. Und das eigene Arbeits- und Sozialverhalten reflektiert. Die Kinder lernen, wie sie zu Erfolgen kommen, ohne andere beim Lernen zu stören.

 

Worin bestehen die Unterschiede zum traditionellen Unterricht?
Die Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung für ihr Lernen. Dabei kann jeder Aufgaben wählen, die zum persönlichen Lernen passen. Diese Aufgaben werden im eigenen Tempo bearbeitet. Damit gestalten Kinder und Jugendliche ihr eigenes Lernen und ihre Arbeitsmotivation. Natürlich müssen bestimmte Ziele erreicht werden. Deshalb gibt es Pflichtaufgaben. Jedoch haben alle immer die Möglichkeit zu schauen, wie dieses Ziel erreicht wird. Zum Beispiel muss eine von fünf unterschiedlichen Aufgaben ausgewählt und in einem bestimmten Zeitraum bearbeitet werden. 

 

Welche Aufgaben hat die Lehrkraft beim EVA?
Sie begleitet statt zu belehren. Wir lassen die Kinder nicht allein, sondern führen Coachinggespräche. Dabei arbeiten wir nach dem lösungsorientierten Ansatz. Ich gehe nicht auf Fehlersuche und biete keine Lösungen an. Ich gestalte das Gespräch so, dass der Lernende selbst Lösungen findet und Situationen meistert. Die Lehrkraft fragt: Was sind deine Stärken? Was ist dir gut gelungen und wie ist dir das gelungen? Wann ist dir das schon einmal gelungen? Was ist dein nächster Schritt? Solche Fragen bewirken, dass die Kinder ihr Lernen reflektieren und eigenverantwortlich handeln.

Welche Vorarbeiten sind nötig, um EVA im Unterricht umzusetzen?
Die Lernsituation muss gut vorbereitet werden. Nach meiner Erfahrung kann sehr viel über Teamwork gelöst werden. Wenn Lehrkräfte mit verschiedenen Erfahrungen und Materialien an einem Tisch sitzen, ist schnell ein Fächer an Lernangeboten vorbereitet. Wir sind vierzügig. Im Fach Deutsch zum Beispiel bereiten je zwei von vier Lehrkräften einen Zeitraum von etwa sechs Wochen vor - für alle. In Deutsch werden die Aufgaben nach einem bestimmten Raster AEIOU von Annemarie von der Groeben und Ingrid Kaiser aufgefächert. A steht für Argumentieren, E für Erkunden, I für Imaginieren, O für Ordnen, U für Urteilen. Wir kreieren mindestens eine Aufgabe pro Bereich, so dass Schülerinnen und Schüler verschiedene Lernwege zur Verfügung haben. Lehrkräfte werden schulintern in lösungsorientierter Beratung weitergebildet.

 

Welche Einstellung sollten Lehrkräfte mitbringen, um auf diese Art zu unterrichten?
Die innere Haltung ist sehr entscheidend. Sie sollten nicht als Lehrende auftreten, sondern als Lernbegleiter. Das bedeutet: Ich nehme mich zurück und helfe den Kindern, selbst zu Lösungen zu kommen. Nicht: Ich bringe bei, sondern ich mache Angebote, unterstütze, begleite. Ich gebe den Schülerinnen und Schülern differenzierte Aufgaben, damit sie sich selbst erfahren. Sie tragen Verantwortung und ich traue ihnen das zu.

 

Wie können Ängste oder Ablehnung gegenüber diesem Konzept gemindert werden?
Indem man sagt: Traut Euch, probiert es aus. Ihr werdet sehen, dass Kinder mit mehr Begeisterung lernen. Es braucht aber auch Möglichkeiten, das Neue zu erleben. Ich empfehle, schrittweise in das Konzept einzusteigen. Reinschnuppern, hospitieren, ein Thema gemeinsam ausprobieren. Dabei Fragen stellen und erleben, dass jede Unterrichtserfahrung Platz hat. Für neue Kolleginnen und Kollegen habe ich eine Handreichung ausgearbeitet, in der alle Materialien hinterlegt sind, die man braucht. Gerade überlegen wir, einen Kurzfilm über Coachinggespräche zu machen.

 

Ist EVA erfolgreicher, schneiden Schülerinnen und Schüler mit ihren Leistungen besser ab?
Das kommt darauf an, ob die Art der Leistung fachlich, methodisch, sozial oder persönlich ist. Die fachliche Leistung schneidet nicht schlechter ab. Das hat unsere Evaluation mit Vergleichsarbeiten gezeigt. Die Pilotklasse hat im Vergleich zu drei anderen Klassen, die nicht mit EVA gearbeitet haben, nicht schlechter abgeschlossen. Sie war eine der besseren Klassen. Ich bin aber sicher: Wenn auch die Präsentationsmethoden der EVA-Klasse bewertet würden, das soziale Miteinander, die Kommunikations- und Kritikfähigkeit, dann hätte diese Klasse die Nase vorn.

 

Besteht der Unterricht der Zukunft aus EVA oder welche Kompetenzen sind darüber hinaus wichtig?
Der Unterricht wird nicht nur aus EVA bestehen. Sonst würden andere wichtige Arbeitsformen fehlen wie kooperative Lernformen und die Inputphase. Den Frontalunterricht möchte ich nicht schlechtreden. Diese Unterrichtsphase ist wichtig, um Inputs zu geben. Aber nur durch das Selbstgestalten kann ein Kind sagen: Das habe ich mir erarbeitet.  

 

Das Gespräch führte Christine Speckner, freie Journalistin

redaktion.pp(at)universum.de

 

Zur Person
Maria Kerchner ist Tutorin der Eingangsstufe und leitet das Lehrerteam der Klassen 5 und 6 an der Abteilung Realschule an der Emil-Dörle-Schule in Herbolzheim, Baden-Württemberg. Sie leitet das Konzept des Eigenverantwortlichen Lernens in Kooperation mit der Werkrealschule.
Das Konzept EVA wurde vor drei Jahren an der Schule eingeführt. Es wird in den Klassen 5, 6, 7 und in einer Klasse 8 (Pilotklasse) praktiziert. Die Emil-Dörle-Schule ist eine Verbundschule mit Werkrealschule und Realschule.

 

Differenzierung
Die Schülerinnen und Schüler wählen aus einem Angebot von Aufgaben aus. Differenziert wird abhängig von Fach und Thema nach Lernweg, Niveau, Umfang usw.

 

Persönliche Lernzeit (PELE)
PELE wurde an der Emil-Dörle-Schule entwickelt. Im Rahmen von PELE findet das Eigenverantwortliche Lernen statt. Für die persönliche Lernzeit sind sechs Stunden pro Woche im Stundenplan fest verankert, in denen das Lernen in unterschiedlichen Fächern selbst geplant und reflektiert wird.

 

Lernbegleitung
Mindestens 14-tägig finden Coachinggespräche statt. Schülerinnen und Schüler besprechen mit der Lehrkraft ihr Lernen. Was habe ich erreicht? Wie habe ich meine Arbeit organisiert? Wie sind die nächsten Schritte?

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