Foto: Dominik Buschardt

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Über gelebte Demokratie
Die Gesamtschule Holweide ist sehr groß - und dann wieder erfreulich überschaubar. Am Rande Kölns gelegen, befindet sie sich auf einem weitläufigen Gelände; täglich strömen rund 1850 Schülerinnen und Schülerinnen in die Einrichtung. Damit zählt sie zu den größten in Nordrhein- Westfalen, wahrscheinlich sogar in Deutschland. Trotzdem fühlt sich der Alltag dort nicht kalt und anonym an, sondern eher familiär und vertraut. Schülerschaft und Lehrkräfte kennen und grüßen sich, man hält einen kleinen Plausch auf dem Flur, fragt nach dem Befinden oder dem nächsten Projekt. Die Schule schafft Raum für Beziehungen.
Sie erreicht das, indem sie das Gesamtgebilde aufspaltet in kleinere Einheiten, in sogenannte "Schulen in der Schule". Wie in einem Baukastensystem fügen sich diese über Querverbindungen und Verschachtelungen wieder zum großen Ganzen zusammen. Dadurch entsteht trotz der beachtlichen Schülerzahl "eine übersichtliche Lern- und Arbeitswelt für alle", wie Direktorin Claudia Högner erzählt. Es beginnt mit der Tischgruppe und endet bei der erweiterten Schulleitung. Auf jeder Ebene bilden sich Teams, die zusammenarbeiten, gemeinsam entscheiden und eine persönliche Atmosphäre schaffen. Und jede Ebene folgt demokratischen Regeln; Konflikte werden in der Regel durch Dialog gelöst, nicht durch hierarchische Vorgaben. Konkret heißt das, vier bis sechs Kinder bilden eine Tischgruppe, vier bis sieben Tischgruppen eine Klasse, drei Klassen ein Team, drei Teams einen Jahrgang. In jedem Team gibt es etwa zehn Lehrerinnen und Lehrer, die sich zu einem separaten Mini-Kollegium zusammenfügen. Denn sie unterrichten ihre drei Klassen in fast allen Fächern, wenn es sein muss auch fachfremd, und begleiten sie meist von der fünften bis zur zehnten Klasse. Dabei arbeiten die Teams überwiegend eigenverantwortlich, "im Rahmen von Erlassen und der Schulkonzeption natürlich", sagt Claudia Högner, aber ansonsten weitgehend selbständig. Sie erstellen den genauen Stundenplan, vertreten sich gegenseitig, planen Klassenfahren oder Projektarbeit und vieles mehr.

 

Alle können mitentscheiden
Über regelmäßige Team- und Jahrgangssitzungen, Teamsprecherkonferenzen, Jahrgangssprecherkonferenzen und andere Gremien bleibt der Austausch zwischen den verschiedenen Einheiten gewährleistet. "Wir pflegen einen hohen Grad des Miteinandersprechens", sagt die Direktorin. Als gelebte Demokratie lässt sich diese Schulorganisation bezeichnen, bei der auch die Schülerinnen und Schüler mitreden können. Etwa in der Klassenratsstunde, die einmal pro Woche stattfindet. An diesem Dienstag tagt eine 8. Klasse, zusammen mit Lehrerin "Britta", denn auch das Duzen gehört als Prinzip zum Konzept. Britta hält sich zurück, greift erst ein, als sich das Gespräch verfranst, ansonsten lässt sie der Diskussion ihren Lauf. Reden darf nur, wer den kleinen weißen Knautschball in der Hand hält, der dauernd im Sitzkreis hin- und herfliegt. Auf der Tagesordnung steht der Umgang mit "Tobern" an erster Stelle.

Vor allem einige Mädchen fühlen sich vom Krach und der Unruhe in den Pausen belästigt, die letzthin zugenommen haben. Was also tun? Nach längerem Hin- und Her fasst die Klasse einen Mehrheitsbeschluss: Herumtobende Kinder dürfen, wenn überführt, ihre Pausen eine Woche lang nicht im Klassenzimmer verbringen, sie erhalten "Klassenverbot". Der Beschluss wird wie immer penibel im Protokollbuch festgehalten.

Gleichzeitig tagt wie jeden Dienstag auch die erweiterte Schulleitung. Ihr gehören die Direktorin, ihre beiden Stellvertreter, alle Jahrgangsleiter, die Gleichstellungsbeauftragte, der Lehrerrat und andere Funktionsträger an. Die 18-köpfige Runde diskutiert heute unter anderem über die Flüchtlingssituation in Deutschland und darüber, welchen Beitrag die Schule leisten könnte. 

Die erweiterte Schulleitung tagt wöchentlich
Alle sind sich einig, dass man Verantwortung übernehmen muss. Vielleicht mehr Gastschülerinnen und -schüler aufnehmen? Mehr Deutschkurse anbieten? Oder neue "Seiteneinsteigerklassen" aufmachen? Doch was würde das für die Dreierstruktur der Schule bedeuten, bei der doch jeder Jahrgang aus drei Teams mit jeweils drei Klassen besteht? Nach einer halbstündigen Debatte über das Für und Wider erhält die Jahrgangsleiterin der Stufe 9 den Auftrag, ein Rechenmodell für die verschiedenen Varianten zu erstellen.  "Das ist hier wie in einer großen Familie", beschreibt Lehrerin Sylvia Kreft, Vertreterin der Teamsprecher, die Dynamik an der Schule. "Und wie bei jeder Familie gibt es Höhen und Tiefen, Harmonie und auch mal Krach", ergänzt ihre Kollegin Sylvia Kurek-Fux. Sie hält den Teamgedanken heute dennoch für aktueller denn je. "Damals haben viele gedacht, was machen die da nur? Aber heute redet doch jeder von Teamarbeit, selbst in der Wirtschaft." 

 

Wachsendes Interesse an Teamarbeit
Auch Claudia Högner spürt ein wachsendes Interesse am sogenannten "Team- Kleingruppen-Modell". In Reinform praktizieren es nur wenige in Deutschland, "aber Teile und Ansätze davon finden sich in immer mehr Schulen". Weil nur so die Inklusion und die Integration von Kindern aus dem Ausland zu meistern sei. Denn diese Kleingruppen saugen, wie Claudia Högner sagt, praktisch jeden ein, egal ob Mädchen oder Junge, aufgeweckt oder nicht, Muslim oder Christ. "Dadurch ist Köln-Holweide eine Schule für alle." Das zeige sich dann auch am Ende der Sekundarstufe. Etwa 80 Kinder kämen aus der Grundschule mit einer Gymnasialempfehlung zu ihnen, aber mehr als 130 besuchten schließlich die Oberstufe. "Wir erweitern den Kreis der Gymnasiasten über die Jahre deutlich", so die Direktorin. Es gebe unterm Strich zwar einen etwas schlechteren Abi-Schnitt als an Gymnasien, dafür aber weniger Schulabbrüche, weniger Schulschwänzer und größeren sozialen Zusammenhalt als anderswo. Entsprechend hoch sind die Anmeldezahlen: Etwa ein Drittel der interessierten Grundschülerinnen und -schüler bekommt eine Absage. Und selbst bei den Lehrkräften ist die Nachfrage groß, deutlich größer als die Zahl der zu besetzenden Stellen.

Doch die teamorientierte Schulorganisation hat auch ihren Preis: Zwar mögen Lehrkräfte und Schülerschaft hier selbstbestimmter arbeiten. Aber das komplizierte Geflecht aus Gruppen, Gremien, Blöcken und Beschlüssen kostet auch Zeit und Kraft. "Wir können uns an jeder Ecke für irgendwas einsetzen und engagieren", sagt Sylvia Kurek-Fux, die gleichwohl voll hinter dem Konzept steht. Man brauche eben ein bisschen Geduld, weil ständig alles besprochen und ausdiskutiert werde. Aber wenn nicht nur einer bestimmen soll, und das will niemand, dann geht es eben nur so." Deshalb unterrichtet Sylvia Kurek-Fux seit 40 Jahren begeistert an dieser Schule.

Friederike Bauer, freie Journalistin

redaktion.pp(at)universum.de

Weitere Informationen zur Gesamtschule Holweide unter

www.gehw.de

Die Gesamtschule Holweide existiert seit 1975 und arbeitet nach einem reformpädagogischen Ansatz. Grundlage dafür bildet das "Team-Kleingruppen-Modell", das die Schule in übersichtliche Gruppen untergliedert, die eigenverantwortlich, aber vernetzt arbeiten.

Durch viele basisdemokratische Elemente herrscht zudem ein hoher Grad an Mitsprachemöglichkeiten. Das Ziel lautet: Jedes Kind soll sich unabhängig von seiner Herkunft, seinem Geschlecht, seiner Hautfarbe, seiner Herkunftssprache, seinen Fähigkeiten und Interessen willkommen und gefördert fühlen.

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