Illustration : iStock, Getty Images Plus/jklr

Wenn Essen zur Qual wird

  • Wissenschaftlich geprüftes Präventionsprogramm für Essstörungen
  • Risikofaktoren abbauen, Lebensfertigkeiten der Jugendlichen stärken
  • Kostenfreie Fortbildung und Materialien für Schulen

     

Mit Genuss und unbeschwert essen: Das ist für Menschen mit einer Essstörung unmöglich. Durchschnittlich 14 von 1.000 Mädchen und Frauen leiden nach Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an einer Anorexia Nervosa (Magersucht), etwa 19 an Bulimia Nervosa (Ess-Brech-Sucht) und 28 an einer Binge-Eating-Störung (wiederkehrende Essanfälle). Aber auch Jungen und Männer sind betroffen. Essstörungen sind schwer zu behandeln – und können tödlich enden. Etwa 16 Prozent der Betroffenen mit Anorexie sterben an ihrer Erkrankung.

 

Die Anorexie beginnt oft bereits im frühen Jugendalter, die anderen Erkrankungen im späteren Jugendalter. Die Schule kann ein Ort sein, um gefährdete Schülerinnen und Schüler zu erreichen.

 

Umgang mit Gefühlen und Konflikten

 

Darauf setzt das „Mainzer Schultraining zur Essstörungsprävention (MaiStep)“, ein Präventionsprogramm für siebte und achte Klassen aller Schulformen. Entwickelt wurde es 2009 von der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsmedizin Mainz.

 

„Jugendliche mit einem hohen Risiko für Essstörungen haben häufig Schwierigkeiten im Umgang mit Konflikten oder Emotionen, ein problematisches Schönheitsideal verinnerlicht oder sind unzufrieden mit dem eigenen Körper und Aussehen“, erklärt Psychologin Verena Ernst, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Vanessa Wolter das MaiStep-Projekt leitet. Diese Risikofaktoren will das Programm abbauen, mit fünf Modulen zu den Themen „MaiStep: Was’n das?“, „Wa(h)re Schönheit“, „Mein Körper und ich“, „Umgang mit Gefühlen“ und „Umgang mit Konflikten“.

 

Verena Ernst erklärt das Wirkprinzip: „Die Schülerinnen und Schüler sollen gewisse Lebensfertigkeiten und Ressourcen entwickeln, die ihnen dabei helfen, mit schwierigen Situationen oder Emotionen besser umzugehen.“ Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit einem ungesunden Essverhalten reagieren. Die Jugendlichen lernen zum Beispiel Techniken der Achtsamkeit. „Ziel dabei ist, dass sie in stressigen Momenten innehalten können und sich fragen: Was brauche ich gerade wirklich? Vielleicht eher Trost statt Essen?“, sagt Vanessa Wolter. Außerdem überlegen die Jugendlichen unter anderem, was ihnen im Leben Energie gibt, um in Stresssituationen Alternativen zu einem ungesunden Essverhalten zu kennen. Auch Spiele für ein besseres Klassenklima stehen auf dem Plan. Denn wer sich schon morgens auf die anderen freut, fühlt sich insgesamt wohler.

Übungen und Diskussion

 

Die fünf Module lassen sich auf fünf Doppelstunden (90 Minuten) über das Schuljahr oder auf Projekttage und -wochen verteilen. Interessiert sich eine Schule für das Programm, kommen die Projektmitarbeiterinnen vorbei und führen vor Ort eine eintägige Fortbildung durch. Teilnehmen können Lehrkräfte, aber auch Beschäftigte, zum Beispiel aus Schulpsychologie oder Sozialarbeit. Während der Schulung erfahren sie mehr über die Krankheitsbilder sowie den Umgang mit Betroffenen und machen sich mit den Materialien und dem Ablauf der Module vertraut. „Neben den Übungen gibt es viele Möglichkeiten zur Diskussion. Die Jugendlichen sollen ihre eigenen Erfahrungen einbringen und in den Austausch kommen“, erklärt Vanessa Wolter. „Die Lehrkräfte leiten in Zweierteams durch das Programm und übernehmen eine moderierende Rolle.“

 

Eine wissenschaftliche Studie ergab 2011, dass das Programm die Wahrscheinlichkeit senken kann, an einer Essstörung zu erkranken. Seitdem sind immer mehr Schulen dabei. Rund 2.000 Lehrkräfte wurden bereits geschult, etwa 26.400 Jugendliche haben bis heute an „MaiStep“ teilgenommen. Durch eine Kooperation mit der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) sind Fortbildungen und Programmaterialen kostenfrei.

 

Berührungsängste abbauen

 

Der Ansatz des Programms hat Monika Straub sofort begeistert. Die Lehrerin und Schulpsychologin des Städtischen Elsa-Brandström-Gymnasiums in München-Pasing führt „MaiStep“ seit 2018 mit ihren Schülerinnen und Schülern durch. „Die Inhalte passen zu den alltäglichen Problemen der Jugendlichen. So können wir sie gut abholen“, sagt sie.

 

Weil die Klassen oft intensiv diskutierten, habe die Schule beschlossen, statt einer Doppelstunde in Zukunft drei Unterrichtsstunden für jedes Modul einzuplanen. Dafür falle Fachunterricht aus. Doch Monika Straub sieht den Bedarf: In der „MaiStep“-Fortbildung habe sie erfahren, dass Magersucht überproportional häufig an Gymnasien auftrete. Auch an ihrer Schule gebe es immer wieder Schülerinnen und Schüler, die dramatisch abnähmen.

 

„Das Programm schafft eine Sensibilität für das Thema und baut Berührungsängste ab – nicht nur im Kollegium, sondern auch in der Schülerschaft“, sagt sie. Monika Straub hofft, dass gefährdete Jugendliche dadurch stärker in den Blick kommen und ihnen früher geholfen werden kann.

 

Kontakt

 

Das Programm wendet sich an Schulen in ganz Deutschland. Für weitere Informationen oder um einen Termin für eine Fortbildung zu vereinbaren, wenden sich Interessierte an Projektkoordinatorin Sabrina Rau, E-Mail: maistep(at)unimedizin­mainz.de, Telefon +49(0) 6131 17-3281. www.kkh.de/leistungen/praevention-vorsorge/gesundheitsfoerderung-setting/maistep

 

 

 

Autorin: Nele Langosch ist Journalistin und Diplom-Psychologin.

redaktion.pp(at)universum.de

Impressum  DruckenWebcode: lug1003439Barrierefreiheit Symbol für GebärdenspracheSymbol für Leichte Sprache