Foto: Dominik Buschardt

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Lernen mit Tablets

Tablet-PCs werden versuchsweise an der Oranienschule, einem Wiesbadener Gymnasium, im Unterricht eingesetzt. Das Pilotprojekt soll Aufschlüsse darüber geben, wie die Geräte didaktisch-pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden und welche Lernerfolge damit erzielt werden können.


Im Mathematikunterricht präsentieren Merle und Anna der Klasse 8a den Rechenweg ihrer Aufgabe digital. Dafür verbinden sie ihre Tablet-PCs mit dem Beamer. Parallel erklären sie, wie sie auf ihr Ergebnis gekommen sind. Durch geschicktes Nachfragen von Lehrerin Barbara Schneider erkennen die zwei, dass sie bei der Formelaufstellung die Kommata vergessen haben. Die Lehrerin schreibt nun die richtige Formel an die Tafel. Daraufhin erhebt sich Gustav, bringt sein Tablet in Position, zoomt die Formel heran und fotografiert sie ab.


Das Verhalten, das der Junge hier im Spiel widerspiegelt, ist das Verhalten seines suchtkranken Vaters, der im Vollrausch vom Schreien des Babys überfordert ist und Ruhe einfordert.Stefan Stark arbeitet seit 2006 bei Drachenherz, einer Marburger Suchtberatungsstelle für Kinder und Jugendliche. Sie gehört zur Suchtberatungsstelle "Blaues Kreuz" e. V. für suchtgefährdete oder suchtkranke Erwachsene. Zum Drachenherz-Team gehört auch die Diplom-Psychologin Katrin-Lisette Schlötterer. Stark und Schlötterer begleiten Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr.


"Für mein digitales Heft", sagt er. Im Rahmen eines Pilotprojekts lernen die Schülerinnen und Schüler an der Oranienschule in Wiesbaden seit Januar 2013 mit Tablet-PCs. Alle in der Klasse besitzen ihr eigenes Gerät. Gefördert wird das Projekt von der Landeshauptstadt Wiesbaden. Daran beteiligt sind Lehrkräfte von vier verschiedenen Schulen (siehe Infokasten), das Schulamt und das Medienzentrum Wiesbaden, die Johannes Gutenberg-Universität aus Mainz und der auf Bildungseinrichtungen spezialisierte IT-Ausstatter REDNET. "Wir wollen herausfinden, welche Apps sich für den Unterricht eignen, wie sie pädagogisch gut eingesetzt werden können, aber auch, wie die Jugendlichen mit den teuren Geräten umgehen", erklärt Reinhard Debus vom Schulamt Wiesbaden. Apps oder auch Applikationen sind Anwendungsprogramme für mobile Endgeräte.

Foto: Dominik Burchardt

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Neue Wege der Wissensvermittlung
Andrea Wettermann hat für den Physikunterricht fünf Stationsaufgaben vorbereitet. Eine der Gruppen soll zum Beispiel die Position der drei deutschen Flughäfen München, Frankfurt am Main und Berlin Tegel bestimmen. Dafür hat die Lehrerin ein Arbeitsblatt zusammengestellt, das sie mit der App "Note Anytime" erstellt hat und das sich die Schülerinnen und Schüler auf ihr Tablet laden. Es zeigt die Deutschlandkarte auf Kästchenpapier, worauf sie die Koordinaten der Flughäfen eintragen sollen.


"Zum Konzept gehört auch, dass die Kinder und Jugendlichen bei den Treffen eins zu eins betreut werden und dass die Bezugsperson stets dieselbe bleibt", beschreibt Stark das Konzept. So bauen sie schneller Vertrauen auf, als dies in einer Gruppe der Fall wäre." Und immer gilt das Motto: "Jeder redet, wann er will. Da sind die Kleineren manchmal unbedarft er. Sie sprechen im Spiel recht offen über das, was in der Familie vor sich geht", erzählt der Therapeut. "Jugendliche sind häufig verschlossener. Sie tasten sich langsam heran und testen, ob sie mir und meiner Kollegin vertrauen können." Denn Vertrauen ist Drehund Angelpunkt, dazu gehört auch die Schweigepflicht: Das, was im Spiel zu Tage tritt, bleibt zwischen Betreuer und Betroffenem.


Außerdem haben die Jugendlichen Zugriff auf das Schulnetzwerk und können per W-LAN, also über eine kabellose Verbindung, im Internet surfen. "Wir sehen das Tablet als mediale Erweiterung, das noch andere Wege der Wissensvermittlung eröffnet", berichtet Wettermann.


Der Umgang mit digitalen Medien wird in der Gesellschaft, vor allem im schulischen Bereich, kontrovers diskutiert. Wie kann es gelingen, digitale Medien in der Schule angemessen, gezielt und altersgerecht einzusetzen? Prof. Dr. Bardo Herzig von der Universität Paderborn sieht dabei positive Chancen: "Tablets bieten im Unterricht vielfältige Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren und zu lernen. Die Schülerinnen und Schüler können mit dem Lernmaterial interaktiv und in multimedialer Form arbeiten. Zudem ermöglichen mobile Endgeräte zeit- und ortsunabhängig auf Lernressourcen zuzugreifen, zum Beispiel über Datenclouds. Gleichzeitig sind sie Instrumente für das individuelle Wissensmanagement der Schülerinnen und Schüler, die ihre Geräte als digitales Portfolio und als digitales Archiv nutzen."

Allerdings lassen sich Kinder und Jugendliche - wie auch Erwachsene - gerne von digitalen Medien ablenken. Herzig: "Digitale Endgeräte sind nicht nur auf Information und Lernen beschränkt. Sie lassen sich auch für Spiel, Unterhaltung und Kommunikation, zum Beispiel über soziale Netzwerke, nutzen. Deshalb ist es erforderlich, dass auch der verantwortungsvolle und situationsangemessene Umgang mit diesen Geräten zum Unterrichtsgegenstand wird." Neben Mathematik und Physik werden die Tablet-PCs auch in den Fächern Biologie, Geografie, Chemie, Kunst, Deutsch und Geschichte eingesetzt. "In Deutsch arbeiten wir gerade an einer Fotostory. Dazu haben wir verschiedene Kurzgeschichten gelesen, zum Beispiel ‚Die Probe‘ von Herbert Malecha", berichtet Muriel. Die Aufgabe besteht darin, auf Basis der Kurzgeschichte 15 passende digitale Fotos zu erstellen. Wie sie das umsetzen, bleibt der Fantasie und Kreativität der Jugendlichen überlassen. "Für das Foto-Shooting werden wir uns verkleiden", wirft Laurentia in die Runde und lacht.

 

Versicherung und Finanzierung
Neben didaktisch-pädagogischen Fragen geht es auch um technische und versicherungsrechtliche Aspekte wie Pflege, Wartung und die sichere Verwahrung der teuren Geräte. Schulen benötigen klare Richtlinien und Vereinbarungen", sagt Reinhard Debus. "Um all das zu klären, trifft sich die Projektgruppe regelmäßig und hospitiert an den Schulen. Sie besteht aus Vertretern des Schulamts und des Medienzentrums Wiesbaden, der Uni Mainz, dem IT-Ausstatter REDNET sowie der Fachberatung des Staatlichen Schulamts.

 

Geschichts- und Geografielehrer Christian Reinsch resümiert: "Was ich beobachte, ist, dass die Schülerinnen und Schüler hochmotiviert lernen. Bei der Quellenarbeit in Geschichte zum Beispiel machen sich die Jugendlichen sehr viel mehr Notizen, vielleicht, weil sie mit der Kommentarfunktion mehr Platz haben als auf dem Papier. Es scheint, als seien sie mutiger - möglicherweise auch deshalb, weil sie schneller Sachverhalte korrigieren können."

Tablet-Projekt und beteiligte Schulen

  • Das Tablet-Schulprojekt wurde 2012 vom Schulamt Wiesbaden ausgeschrieben. Daran nehmen vier Schulen teil: Oranienschule, Elly-Heusschule (EHS) Dilthey-Schule sowie die Gutenbergschule.
  • An der EHS und Oranienschule arbeiten die Schülerinnen und Schüler mit iPads. Unterschied: Die Lernenden der Oranienschule besitzen ihr eigenes Gerät und können es mit nach Hause nehmen, an der EHS werden die Geräte im Klassensatz herausgegeben und bleiben in der Schule.
  • Die Schülerinnen und Schüler der Dilthey-Schule lernen mit Samsung-Geräten auf Android-Basis, an der Gutenbergschule mit Fujitsu-Siemens-Geräten mit dem Betriebssystem Windows 8. Weitere Informationen im begleitenden Blog unter pads.wiesan.de
  • Die Oranienschule Wiesbaden ist ein Gymnasium, an dem zirka 1000 Schülerinnen und Schüler lernen sowie 80 Lehrkräfte unterrichten. Weitere Informationen gibt es unter www.oranienschule.de.

 

AUTOR

Diane Zachen ist Redakteurin bei DGUV pluspunkt.

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