Bild: Dominik Buschardt

Bild: Dominik Buschardt

Sitzen bleiben!

  • Hemmschwellen werden spielerisch abgebaut
  • Auseinandersetzung mit dem Thema „Behinderung“ wird gefördert
  • Rollstuhlbasketball macht Kindern Spaß und ist schnell erlernbar


Der Basketballkorb hängt verdammt weit oben. Wer sich etwas aus dem Rollstuhl erhebt, kann den Ball leichter einlochen. Doch die Schummelei bleibt Sebastian Arnold nicht verborgen: „Sitzen bleiben!“, ruft der Rollstuhl-Basketball-Trainer. Kurze Stille.


Danach bugsieren die Schülerinnen und Schüler die Gefährte wieder lautstark durch die Sporthalle der Albert-Schweitzer-Schule – auf der Jagd nach dem nächsten Korbwurf. Die Leih-Sportrollstühle hat der Trainer mitgebracht. Nach kurzer Einweisung setzen sich die Kinder in die Stühle. Grundtechniken üben heißt: Anfahren, beschleunigen, bremsen, um die Achse drehen. Schon schwieriger ist, den Basketball vom Boden aufzunehmen. „Ihr presst den Ball mit der Hand gegen den Greifring des Rads“, sagt Arnold und demonstriert den Kindern eine fließende Bewegung.


Es ist verblüffend, wie rasch die Drittklässler lernen, die ungewohnten Gefährte zu bewegen. „Die Grundzüge haben Kinder meist schnell drauf“, ist Arnolds Erfahrung. Rollstuhlbasketball, diese Sportart kennt er aus dem Effeff. Beim Sportverein Mainhatten Skywheelers Frankfurt spielt der 38-Jährige in der zweiten Bundesliga. Seit 2013 ist er zwei- bis dreimal pro Woche im Namen der Unfallkasse Hessen im Einsatz, um Schülerinnen und Schülern die Grundtechniken nahezubringen.

Warum sollen Kinder und Jugendliche ohne Gehbehinderung Sport im Rollstuhl treiben? „Wir wollen Hemmschwellen abbauen, die Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung fördern und die Bewegungskompetenz stärken“, beschreibt Oliver Mai von der Unfallkasse die Projektziele. An der Albert-Schweitzer-Schule ist Inklusion Teil des Schulkonzepts. „Als Kinderrechte-Schule ist es uns wichtig, dass alle Kinder gemeinsam lernen können und niemand ausgeschlossen wird. So wird der Inklusionsgedanke bei uns auch gelebt. In einigen Klassen gibt es Kinder mit Förderbedarf und wir haben sogar eine Kooperationsklasse mit sieben Kindern, teilweise schwerstmehrfachbehindert“, sagt Schulleiterin Barbara Busch.


In der Sporthalle ist es Zeit für das erste Spiel: Jetzt kommen die Drittklässler in Fahrt. Im Eifer des Gefechts ist schnell eine wichtige Spielregel vergessen: Spätestens nach zwei Zügen am Rollstuhl-Greifring muss der Ball gedribbelt werden. Mancher bunkert den Ball auf dem Schoß, um ungestört durch die Halle zu fahren. „Dribbeln!“ ruft Arnold ein paar Mal. Die Kinder hören nur halb zu – sie sind einfach so begeistert von der Dynamik des Spiels.

 

Von Berührungsängsten ist nichts zu spüren
Beschlossen wird der Praxistag in bester pädagogischer Manier mit einer Abschlussrunde. Die Kinder löchern den Trainer mit ihren Fragen. Arnold erzählt von seinem Leben im Rollstuhl, seit er nach einem Autounfall im Alter von 22 Jahren querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. Von Berührungsängsten mit Behinderung ist in der Runde nichts zu spüren. Am Ende der 90 Minuten verteilt Sebastian Arnold Evaluationsbögen. Ein Schüler notiert: „Wir haben gelernt, dass Rollstuhlfahrer ganz normale Menschen sind.“ Ein anderer schreibt: „Es war sehr cool und ich würde es gerne noch mal machen.“

 

„Ich bin begeistert, wie offen die Kinder den neuen Erlebnissen gegenüber waren. Und Sebastian Arnold hat einen tollen Zugang zu den Kindern gefunden“, lautet Ljiljana Pavlovics positives Fazit. Die Referendarin hatte das Projekt an die Albert-Schweitzer-Schule geholt.


Kinder und Lehrkräfte sind sich einig: Im nächsten Jahr soll Sebastian Arnold auf jeden Fall wiederkommen.

 

Infos zum Praxistag


René de Ridder, Redakteur (Universum Verlag)


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