Sonderpädagoge Frank Amrhein

Sonderpädagoge Frank Amrhein

Feste Rituale, klare Grenzen und viel Flexibilität

Gerade noch Rennen, Rufen und Rasen mit Bällen oder ohne, kreuz und quer durch die Turnhalle, jetzt sitzen 26 Mädchen und Jungen aufmerksam im Kreis. Sie blicken zu ihrem Sportlehrer, der ihnen das heutige Programm erklärt. Für den Wechsel vom freien Lauf zum festen Sitz hat es nur einer kleinen Fingerklingel bedurft. Zweimal "klingelingeling" - und die Klasse sammelt sich in der Hallenmitte. "Heute stehen Ringen und Kämpfen auf dem Plan", erläutert Frank Amrhein. Er verdeutlicht das anhand einer Plakatwand, auf der er die wichtigsten Regeln dazu notiert hat. "Es passiert nichts, was ich nicht will", steht da zum Beispiel oder "STOPP heißt STOPP und zwar sofort". Damit alle verstehen, wie er das meint, lässt  Amrhein die ganze Klasse nochmal laut "Stopp" rufen. Die Schülerinnen und Schüler folgen ihm sichtlich begeistert.

Auf den ersten Blick wirkt die Klasse 5 A der Gesamtschule Köln-Mühlheim wie jede andere nicht ganz einheitliche Klasse auch. Kinder um die 11 Jahre alt, manche etwas größer, andere etwas kräftiger und ein paar offensichtlich mit Migrationshintergrund. Insgesamt nichts Außergewöhnliches. So jedenfalls der erste Eindruck. Tatsächlich aber lernen hier Kinder mit und ohne "sonderpädagogischem Förderbedarf" gemeinsam, wie es formell heißt. Sie gehen auf dieselbe Schule, mischen sich in den Klassen und nehmen alle am gemeinsamen Unterricht teil. Von 500 Schülerinnen und Schülern betrifft das knapp 100, also etwa ein Fünftel. Zu sehen ist das in dieser Klasse nicht, weil keines der Kinder eine sichtbare körperliche Beeinträchtigung hat, sondern es sind andere Herausforderungen wie etwa Lern- und Entwicklungsbesonderheiten oder sozialemotionale Schwierigkeiten der Kinder. "Da beginnen schon die Vorurteile", sagt Amrhein, "die meisten Menschen denken, den speziellen Förderbedarf müsste man sofort erkennen, die Kinder auf  Anhieb identifizieren können. Das ist jedoch nicht der Fall."

Pädagogischer Doppelauftrag
Überhaupt registriert der Lehrer für Sonderpädagogik noch viele Missverständnisse beim Thema Inklusion. Dagegen versucht er anzukämpfen und eine differenzierte Sicht auf das Thema aufzubauen. Deshalb verwendet Amrhein das Wort Inklusion erst gar nicht. Stattdessen spricht er lieber von gemeinsamem Lernen. Denn genau darum geht es ihm, um sinnvoll verbrachte Zeit in der Gruppe, um einen Sportunterricht, der jungen Menschen die Freude an Bewegung näherbringt und sie zu einem gesunden Lebenswandel anregt. "Erziehung  zum Sport und Erziehung durch Sport", beschreibt er seinen pädagogischen Doppelauftrag. "Die Kinder sollen hier lernen, dass sich Sport und Bewegung lohnen, Spaß machen und das dann möglichst auch außerhalb fortsetzen." Und zwar alle Kinder, nicht nur die schnellen, begabten und ohnehin schon motivierten. Amrheins Anspruch ist es, alle Schülerinnen und Schüler abzuholen, mitzunehmen und einzubinden, auch die mit besonderem Förderbedarf. "Jedes Kind hat ein Recht auf Sport", beschreibt er eines seiner Leitmotive.

Für seinen Unterricht bedeutet das vor allem: Viel Flexibilität einerseits und klare Regeln und Rituale andererseits. Den Unterricht wie vorbereitet durchzuziehen, funktioniere manchmal einfach nicht, erzählt er. Er könne am Schreibtisch viel planen, die fragliche Stunde entwickle sich dann häufig ganz anders. "Deshalb habe ich immer einen Plan B." Wichtig sind ihm auch Rituale, weil sie Klarheit im Ablauf schaffen. Seine Stunden sehen deshalb im Kern immer gleich aus, mit Pinnwand, Fingerklingel und einigen anderen festen Bestandteilen. Sie schaffen einen fixen Rahmen und geben eine klare Orientierung für die unterschiedlichen Unterrichtseinheiten, die natürlich wie an jeder Schule einem vorgegebenen Lehrplan folgen, aber je nach Zusammensetzung der Klasse anders aussehen. Beispiel Hochsprung: Wenn alle Kinder uneingeschränkt sprung- und bewegungsfähig sind, dann kann einfach gesprungen werden. Ist das nicht der Fall, "muss man sich überlegen, worum es hier geht". Um das Überwinden eines Hindernisses - "und das kann man auch anders erreichen". Zum Beispiel mit Hilfestellung oder mit einem Seil statt einer Latte.

Dafur gebe es viele Möglichkeiten. "Man darf eben nicht nach Schema F verfahren, sondern muss immer wieder neue Möglichkeiten suchen und ausprobieren", sagt Frank Amrhein, der sich schon seit seinem Studium mit inklusivem Lernen befasst.

Das Lehramt an der Regelschule reizte ihn nicht, deshalb hat er sich für Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt Sport entschieden und zusätzlich zum 1. und 2. Staatsexamen auch noch ein Diplom an der Deutschen Sporthochschule in Köln abgelegt. An die Gesamtschule Köln-Mühlheim hat er sich ganz bewusst beworben. Sie öffnete 2011 ihre Pforten und gehörte zu den ersten zwölf Gemeinschaftsschulen im Land,  die als Modell für eine spätere flächendeckende Umstellung dienen sollten. Dazu ist es dann aus politischen Gründen nicht gekommen, das Projekt Gemeinschaftsschulen in NRW wurde gestoppt. "Leider", wie Amrhein sagt. Denn das Konzept entsprach genau seiner Vorstellung von einer modernen und zukunftsorientierten Pädagogik, die nicht ausgrenzt, sondern einbindet und fördert. In der nicht geschaut wird, was einer nicht kann, sondern herausgeholt wird, was einer kann.

"Wer die Stärken stärkt, schwächt die Schwächen", lautet ein weiteres Motto von Amrhein, das er zur Bekräftigung sogar an die Wand seines Büros gehängt hat. Inzwischen ist Köln- Mühlheim eine herkömmliche Gesamtschule, zwar immer noch orientiert an der Idee einer inklusiven Bildung, aber nun mit größeren Klassen, weniger Mitteln und weniger kreativem Spielraum.

Geht alles, nur vielleicht nicht sofort
Sieht er Grenzen für inklusiven Sportunterricht, etwa weil ein Kind im Rollstuhl sitzt oder vielleicht sogar gewickelt werden muss? Eigentlich nicht. Selbst rhythmischer Tanz sei im Rollstuhl möglich, sagt er, man müsse den Takt irgendwie übersetzen, zum Beispiel in Schiebebewegung oder Drehungen. "Geht nicht, gibt´s nicht", lautet daher sein dritter Leitspruch. Natürlich gebe es in der jetzigen Situation Grenzen, seine Schule habe zum Beispiel keinen Pflegeraum. "Das heißt aber nicht, dass es generell nicht geht, sondern nur, dass die Bedingungen noch nicht stimmen." Die momentanen Herausforderungen lassen ihn nicht an dem Konzept insgesamt zweifeln, weil er davon absolut überzeugt ist. "Ich diskutiere nicht über Menschenrechte", empört sich Amrhein über die Frage, ob wirklich jedes Kind am Sportunterricht teilnehmen könne, "ich diskutiere nur über deren Umsetzung". In dieser Sportstunde übrigens gelingt es Frank Amrhein zwar, ein Mädchen mit einem diagnostizierten Mutismus - sie ist scheu und spricht fast nicht - an einer spielerischen Ringübung zu beteiligen. Aber ein anderer Junge verzieht sich für den Rest der Stunde wegen  eines Kratzers am Unterschenkel auf die Bank. Trotz mehrfachen Nachfragens ist er nicht mehr zur Teilnahme am Unterricht zu bewegen. Wahrscheinlich steckt mehr dahinter, hat er seine Gründe, die aber auf die Schnelle nicht auszumachen sind. "Das muss man dann in der Situation akzeptieren", sagt Amrhein, "der Sache später nochmal nachgehen und in der nächsten Stunde wieder einen Neustart versuchen."

Der guten Stimmung hat das keinen Abbruch getan: Als Amrhein am Ende fragt, wie der Unterricht heute war, gehen fast alle Daumen nach oben. Auch das ist eines von seinen eingespielten Ritualen - und ein sehr demokratisches dazu. Man könnte auch sagen: ein sehr "inklusives".

 

Friederike Bauer arbeitet als freie Journalistin in Frankfurt/Main.

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